Es ist noch gar nicht so viele Jahrzehnte her, da galt es auch in unseren Breiten noch für einigermaßen verrucht, wenn eine junge Frau oder gar das unverheiratete junge Mädchen sich die Lippen rötete, die Brauen nachzog, mit Puder und Stift Wangen, Nase und Wimpern zu Hilfe kam, von den Fingernägeln ganz zu schweigen. Zuerst in den Großstädten, dann auch außerhalb ist das längst anders geworden – zum Teil unter der Einwirkung des Films, am kategorischsten jedoch letzthin unter dem Anspruch des Westens, seinen modischen Vorstellungen von Reiz und Schönheit auch bei den Besiegten entsprochen zu sehen.

Es dürfte zwar noch immer Väter geben, denen ihre Töchter „so“ nicht gefallen wollen; doch die Sitte wandelt sich, und was vor dreißig Jahren anstößig gewesen wäre, braucht es nicht weiterhin zu sein. Eine andere Frage ist es aber, inwieweit die Frau von der Erlaubnis des Aufschönens durch Schminke und Stift Gebrauch machen soll. Setzen wir jene ältere Vorstellung, der wir Männer uns noch immer fügen: daß wir halt mit unserem Gesicht auskommen müssen, selbst wenn uns der Spiegel ungalanterweise nur eine Visage sehen läßt, setzen wir sie für das anbetungswürdige andere Geschlecht bereitwilligst außer Kurs, so können wir doch schwerlich billigen, wenn mit einem Gesicht, das wir vielleicht lieben, so umgesprungen wird, daß an seiner Stelle ein völlig anderes erscheint. Hingabefähigkeit ist eine großartige weibliche Eigenschaft, und die völlig selbstverständliche, keinen Augenblick unterdrückte oder verheuchelte Lust, sich selber und dem Manne zu gefallen, erhöht in Italien, in Frankreich und anderwärts die Temperaturen nicht nur jedes Gesprächs, sondern des Lebens selber aufs anmutigste. Aber Hingabe an irgendein Idol, die zur „Preisgabe ihrer selbst“ wird, erschreckt uns tief, und wenn immer mehr Männer auch sei uns jene Arrangements des Gefälligen nicht ungern als eine Verheißung glückhaften pulsenden Lebens ansehen, so mögen sie es doch ganz natürlicherweise nicht, wenn eine Frau, indem sie sich schminkt, ihr Gesicht durchstreicht und einen mitunter fatalen Wunschtraum an seiner Statt herzuzaubern trachtet. Denn welcher Mensch es nicht einfach spürt, der sollte es wissen: daß jeder Teil seines Gesichts etwas ausdrückt, das zu ihm gehört – so sehr gehört, daß dieses Gesicht auf der Stelle fremd, leer, ja dumm und ungestalt wirkt, sowie es in seinem Grundlineament verändert wird.

Somit findet die Kunst, sich schön zu machen, ihre Aufgabe jeweils schon vor: sie kann nichts anderes sein als ein geschmackvoll-umsichtiges Korrigieren und Herausarbeiten eben des Gesichts, das der Dame unseres Herzens von Natur aus zugedacht war, aber im Drange des Heranwachsens nicht ganz so deutlich hat werden sollen. Wird diese feine Limite des Selbst-Erkennens und Zusich-Stehens überschritten, entsteht jenes abstoßend Klecksige oder Puppige, das allenfalls dem Serienmenschen genugtut, also ein Phänomen der Abdankung und Entseelung des Menschen vorstellt.

So ist es auch nicht von ungefähr, daß man den Sinn jener totalen Verlarvung des Weiblichen hinter Sonnenbrille und knallig gerougten Lippen kaum noch als ein Sichschönen und Gefallenwollen zu deuten wagt, eher als einen Versuch, sich zu entfernen und ein vertanes Geheimnis wiederzugewinnen – was im letzten also auf eine Form der Scham hinausliefe. Pastos geschminkte Lippen wirken denn auch eher als Riegel denn als Versuchung. Angesichts der ihn mit Lächerlichwerden bedrohenden Verklexung wird der Mann folgern, dies seien Lippen, die nicht geküßt sein wollen, auch wenn er – wir sind im Karneval – sich nicht daran halten sollte. br.