Von Ernesto Grassi

Leopardi schreibt in seinen Aufzeichnungen, daß das Gedenken von Geburts- und Todestagen etwas Geheimnisvolles habe: Mahnungen steigen aus der Geschichte, sobald man bei einer Gedenkfeier die Vergangenheit mit der Gegenwart vergleicht.

Giordano Bruno – der Metaphysiker und Naturphilosoph – ist sein Leben lang Emigrant gewesen. Er versuchte vergeblich, die eigene Freiheit zu retten. Geboren bei Neapel im Jahre 1548, mußte er schon wenige Jahre nachdem er seine Priesterweihe erhalten hatte, erst nach Rom, dann nach Genua und Genf fliehen. Aber auch in Genf, in der Stadt der Ketzer, fand er keineswegs Frieden: um 1578 war das Haupt der dortigen italienischen Kolonie, der Neapolitaner Marchese Caracciolo, ausgerechnet ein Neffe des Papstes Paul V., der Italien verlassen hatte, um in Genf für den Calvinismus zu kämpfen. Bruno bemühte sich erst, die Aufforderung, die Religion der Stadt anzunehmen, zu umgehen, indem er mit diplomatischem südländischem Sinne erklärte, daß er das Wesen des Calvinismus noch nicht kerne. Als aber die ihm gewährte Wartezeit vergangen war und er sich dem Calvinismus nicht anschließen wollte, mußte er Genf verlassen. Es folgen die weiteren Etappen seiner Emigration: Frankreich, dann England, wo er an der Oxforder Universität so entschieden die philosophischen Konsequenzen aus der Kopernikanischen Lehre zog, daß er die Entrüstung der dortigen gelehrten Universitätswelt auf sich zog und die Universität verlassen mußte. Die beißende Satire, die er uns von jener englischen Welt im Dialog Aschermittwochsmahl hinterlassen hat, ist der gelungene Ausdruck seiner Rache. Von England ging er nach-Deutschland: An der Universität Marburg konnte er sich nicht niederlassen, weil sie dem reformierten Bekenntnis angehörig war und daher dem kopernikanischen System abgeneigt. So das er an der Universität Wittenberg, aber als der Kurfürst August starb und dessen calvinistischer Sohn Christian im Jahre 1586 zur Regierung kam, mußte er auch Wittenberg verlassen. Dasselbe passierte an der Universität Helmstedt: der Nachfolger des Herzogs Ludwig von Braunschweig vermochte ihn nicht vor der Gegnerschaft der Theologen zu schützen. In Venedig wurde er auf Grund einer Anzeige von der venetianischen Inquisition verhaftet und im Jahre 1593 der römischen Inquisition ausgeliefert. Seitdem beginnen die rätselhaften Jahre seiner Gefangenschaft in Rom, bis er 1600 auf dem Campo di Fiore in Rom den Scheiterhaufen bestieg: Ein Zeuge berichtet uns, daß während der Verbrennung kein Laut über seine Lippen kam.

Er, der am Ende der Renaissance lebt, hat, wie kaum ein anderer Philosoph, die Rechte des einzelnen Menschen verteidigt. Er tat dies – und das ist entscheidend – nicht nur aus einer subjektiven Haltung oder von einem politischen Standpunkt aus, sondern aus einer bestimmten Auffassung vom Wesen des Menschen. Diese Auffassung entsteht eigentümlicherweise aus seiner Auseinandersetzung mit der Philologie.

Bruno ist mit G. B. Vico einer der letzten großen Vertreter der humanistischen Überlieferung, jener Überlieferung, für die als einer der Hauptgrundsätze gilt – im Gegensatz zu einer späteren philosophischen Tradition, die mit Descartes beginnt –, daß das Wahre nicht die einzige Form des Objektiven sei. Neben den erkenntnistheoretischen Fragen treten die nach dem Wesen der Kunst, der dichterischen Erfahrung, des Sinnes für die Geschichte als Verständnis für den Einzelfall auf. Während die von Descartes herkommende Philosophie eine immer speziellere Fachsprache entwickelt, steht die Prosa Brunos der alltäglichen, unmittelbaren Rede ganz nahe. Es liegt auf der Hand, daß diese Art des philosophischen Sprechens der anderen rationalistischen Tradition als literarisch, unfachlich erscheinen mußte.

Bruno stellt zu Beginn seines Hauptwerkes, der „Heroischen Leidenschaften das Problem vom Wesen des dichterischen Wortes auf, und antwortet, daß es weder von der vorhandenen Wirklichkeit – also der Natur – noch von überlieferten Regeln – also der Poetik – noch von lehrbaren Beispielen und Gattungsbegriffen abzuleiten sei. Das Dichterische sei vielmehr eine eigene Art die Dinge zu sehen, die sich uns plötzlich aufdrängt. Daher der Begriff der „Leidenschaft“, der für ihn die Form aller ursprünglichen Tätigkeit ist, und zwar von der rein biologischen bis zur spezifisch menschlichen. Das Erleiden des Ursprünglichen, wie es dem Dichter, dem Philosophen oder dem Staatsmann widerfährt, ist aller subjektiven Willkür entrückt. Denn wenn uns beim ersten Lesen eines Philosophen, Dichters oder Staatsmannes etwas unverständlich erscheint, dann nicht deshalb, weil es zur Subjektivität des Verfassers gehört, sondern weil das Philosophische, das Dichterische, das Politische im Gegenteil derart objektiv ist, daß wir es mit unseren alltäglichen, relativen Maßstäben zunächst nicht erreichen, ja nicht einmal sehen. Das Wesentliche der Bildung bedeutet daher, zu dem Grade der Objektivität vorzudringen, der hier gefordert wird.

Hieraus entspringt Brunos Verteidigung des individuellen Lebens. Ausführlich schildert Bruno die Qualen, Irrungen und Schwankungen, denen dieser leidenschaftliche Mensch unterliegt, wenn er sich zur Objektivität des Werkes erhebt. Die Leidenschaft für das Werk, die strenge Methode machen den Maßstab deutlich und zeigen dem einzelnen, welcher ursprünglichen Wirklichkeit er unterstellt ist. So leitet Bruno die Leidenschaft als Erfahrung des Ursprünglichen durch den heroischen Menschen aus einer allgemeinen Leidenschaft, dem Ergriffen werden, durch das Ursprüngliche überhaupt als der tiefsten Kraft der Wirklichkeit ab. Im Gegensatz dazu bleibt die Menge in der Welt des rein Relativen, Subjektiven, der unklaren und primitiven Gefühle, in der Sphäre des Sentimentalen. Bruno zeigt sich damit gleichzeitig als der schärfste Gegner des Materialismus, den er Schritt für Schritt im Dialog Von der Ursache kritisiert.

Bruno wurde im Grunde von den Deutschen wiederentdeckt: Friedrich Heinrich Jacobi, der große philosophische Gegner Kants, war es, der, wahrscheinlich auf Anregung Hamanns, zum erstenmal in deutscher Sprache einen Auszug aus Brunos Schriften gab. Schelling nahm Brunosche Anregungen in seine Philosophie auf. In Deutschland hat Bruno ein Land der Freiheit gesucht, und deshalb sollen hier die Worte wiederholt werden, mit denen er Deutschland zum letztenmal bei seinem Abschied begrüßte. Seine Sehnsucht, seine Verbundenheit mit der deutschen Landschaft, seine Ahnung des Schicksalhaften der deutschen Geschichte sprechen uns noch heute in diesen Worten an: „So lebt denn wohl, ihr Wälder! Wie manche Stunde habe ich unter euren Laubgewölben verträumt! Euch, ihr Faune und Götter des Waldes, euch allen rufe ich zu: Behütet diese Äcker, segnetdiese Felder, bewacht diese Herden, damit der von Gottes begnadetem Geiste so fruchtbare deutsche Boden das glückliche Kampanien, von dem ich stamme, nicht ferner zu beneiden brauche. Auch ihr Nymphen dieser Quellen und dieses Stromes, an dessen Ufern ich so oft, würzige Luft atmend, mich ergehen durfte, seid gegenwärtig ... Und du, geliebte deutsche Erde, du Auge der Welt: so oft du auch im Umschwünge des Planeten noch dich der Nacht zuwenden magst, kehre immer wieder zum Lichte zurück und bringe diesem Vaterlande so vieler Heroen immer glücklichere Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte. Du aber, dort oben Lenker des Himmelswagens, der du von diesem Lande, das deiner Wachsamkeit anvertraut ist, niemals die Augen wendest, scheuche von ihm alle nächtens schweifenden Wölfe, alle plumpen Bären und alle räuberischen Tiere, sonst ...“