Von Kurt Joachim Fischer

Seit die Traumfabrik nicht mehr so gut geht, haben die Hollywooder Filmgewaltigen, inspiriert von dem neorealistischen italienischen Filmstil und dem Beispiel der Franzosen, sich ernsthaften Problemen des Lebens zugewandt. Es gelangen ihnen dabei mit den bedeutenden Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, große Spielfilme wie The Snake Pit („Die Schlangengrube“, Schicksale in einer Irrenanstalt) und Johnny. Belinda, das Leben einer Taubstummen (der Film lief soeben in Hamburg an). In den letzten Jahren nun beginnen sich auch Themen durchzusetzen, die zentrale Probleme des amerikanischen gesellschaftlichen Lebens behandeln. Eine kleine Gruppe unabhängiger Produzenten wagte sich mit dem Thema Nr. 1 an die Öffentlichkeit: der Negerfrage.

Drei Filme sind bislang über dieses Thema gedreht worden, von denen nur zwei als reine Problemfilme, angesehen werden können. Der erste Lost Boundaries („Verlorene Grenzen“), der in Cannes 1949 mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet, von Alfred Werker inszeniert, von Louis de Rochemont produziert wurde, der einst auch Bommerang und 13 rue Madeleine herausbrachte. Lost Boundaries greift das Schicksal der acht Millionen Negermischlinge auf, die als Weiße leben können und nur gelegentlich, so beim Kriegsdienst, als Neger – behandelt werden. Hier handelt es sich um einen Arzt, der viele Jahre als ‚Weißer‘ lebt, bei der Einziehung zur Navy aber als ‚Neger‘ eingestuft wird. Der Spielfilm schildert, wie die Bevölkerung der kleinen Stadt in den Nordstaaten zu ihrem Arzt hält und die Gesetze, die ihn zum Neger machen, ignoriert. Die Betonung liegt hier auf ‚Spielfilm‘, der im Sinne der Weiterführung der dramatischen Handlung doch vorsichtig kritische Klippen umsteuert. Dennoch war der Film ein wichtiger Anfang. Die amerikanische Presse lobte ihn über die Maßen.

Es war zu erwarten, daß der Erfolg von Lost Boundaries weitere Negerfilme anregen würde. Es folgten zunächst Home of the Brave und Pinky. In Home of the Brave wird ein Neger- – soldat, neurotisch gelähmt, von einem Militärarzt psychotherapeutisch behandelt. Im Verlaufe des Heilungsprozesses erfährt man, wie es zu der Lähmung kam: eine kleine Gruppe amerikanischer Soldaten, vier weiße und ein Neger, hatten im pazifischen Kriege den Auftrag, eine kleine Insel kartographisch aufzunehmen. Bei dieser Aktion brachen die Spannungen zwischen den Weißen und dem Neger aus, wobei auch innerhalb der weißen Gruppe wieder Partei für oder gegen den Neger genommen wurde. Japanische Guerillas überfielen die Gruppe. Es kam zu Gefechten, in deren Verlauf der Neger Peter Moß seinen besten – weißen – Freund Finch sterbend im Walde; zurückließ. Wohl eilte er doch noch einmal zurück, ihn zu retten, aber die Tatsache, daß er den Freund feige verließ, läßt ihn an seinen Minderwertigkeitskomplexen zusammenbrechen.

Der Neger wird von James Edwards gespielt: trotzdem ist es noch immer kein reiner Negerstoff, sondern die psychoanalytische Untersuchung eines interessanten Patienten, der zufällig ein Neger ist. Dazu kommt die für die Wirkung eines jeden Films gefährliche Tatsache, daß keine Frau mitwirkt; ein entscheidender Grund dafür, daß der Regisseur Mark Robson und der Produzent Stanley Kramer nicht die durchschlagende Wirkung verbuchten, die der Film an sich verdiente.

Nun ließ einer der starken Produzenten aus der großen Klasse Hollywoods einen Negerinnenfilm drehen und damit gelang der entscheidende Erfolg in der filmischen Erörterung der Negerfrage. Darryl F. Zanuck, Produzent in der 20th Century Fox, holte sich Elia Kazan und gab ihm die Chance, Pinky herauszubringen. Pinky werden in den Südstaaten alle Negerinnen genannt, die schon weiß sind – aber noch eine Negergroßmutter haben: Viertel- oder Achtel-Negerinnen, um diese verrufene Terminologie aufzugreifen. In diesem Film handelt es sich um ein junges Mädchen, das von seiner noch schwarzen Großmutter zur Nurseausbildung nach den Nordstaaten geschickt wird. Es lernt in seiner Ausbildungsklinik einen Arzt kennen, liebt ihn, verlobt sich. Pinky hat die Chance, in den Nordstaaten als Weiße unterzutauchen. Aber als das junge Mädchen die Großmutter besucht, bleibt es der Diffamierung als Negerin ausgesetzt, obwohl der Verlobte zunächst, trotz aller Demütigungen, noch gewillt ist, Pinky zu sich zu nehmen. Eine Reihe von Konflikten, die auch durch die Neger ausgelöst werden, treiben Pinky jedoch zwangsmäßig in das Lager ihrer Rasse. Elia Kazan hat eine fesselnde Story in seinen Film verwoben: eine alte weiße Dame – hier Ethel Barrymore –, in deren Hause einst Pinkys Ahnen Sklaven waren, erkrankt, und Pinky pflegt die Sterbende, die von ihr fordert, zu sich selbst zu stehen, also sich als Negerin zu bekennen. Nach dem Tode der alten Dame wird Pinky Erbin und prompt als Erbschleicherin verklagt. Der als Colored Diffamierten wird jedoch die Rechtmäßigkeit des Erbes nicht bestritten. Aber sie muß den Weg der tiefsten Demütigung durch die Weißen gehen und verzichtet auf den Verlobten. Sie will eine Nursestation für Negerinnen einrichten und selbst Negerin sein.

Dieser Film hat etwas Bedrohliches, was auch die amerikanische Öffentlichkeit erkannte: die Formulierung einer Unterdrücktenideologie, der Voraussetzung des Rassenkampfes. Aber er ist auch ein Beispiel der idealistischen Deutung der Unterdrücktengesinnung, die hier durch die ausgezeichnete Darstellung der jungen Jeanne Crain in der Rolle der Pinky, der Negerin Ethel Waters und der siebzigjährigen Ethel Barrymore auf die Ebene versöhnender Menschlichkeit gehoben wird.

In Amerika hat von den drei Negerfilmen dieser die umfassendste Wirkung ausgelöst. Produzent und Regisseur bewiesen, daß jedes Problem des gesellschaftlichen Lebens der Gegenwart, und sei es noch so heikel, filmisch gemeistert werden kann.