Von Josef Marein

Es ist selten in der Geschichte vorgekommen, daß ein Musikstil die Gemüter so erregte wie dies dem Jazz seit rund dreißig Jahren mühelos gelingt. Und noch heute kann es passieren – wie dies unlängst in Dortmund geschehen ist – daß junge Leute mit Plakaten für den Jazz demonstrierten. In Dortmund war es der Film „Hallo Fräulein“, der ihre Empörung hervorgerufen hatte. „Warum Kitsch anstatt Jazz?“, so lauteten die Plakate. „Wir protestieren gegen den Mißbrauch des Wortes Jazz!“ und „Wir distanzieren uns.“ Welche jungen Leute sind es, die – geübt in den Ausdrücken der Massenversammlungen – sich „distanzieren“? Es sind die Mitglieder vom Hot-Club, einem Verein, den es nicht nur in Dortmund, sondern in jeder westlichen Großstadt gibt.

Jeder Hot – Club – Man ein Jazzmusikant? Keineswegs, die einen musizieren, die anderen tanzen dazu oder erwärmen sich lauschend an der „heißen Musik“, wobei sie gern zackigschaukelnde Bewegungen vollführen. Symphonien, Sonaten, Kammermusik sagen ihnen wenig. Doch bringen sie es fertig, über gewisse Arten moderner Jazzmusik in einen Begeisterungstaumel zu verfallen, der den Spötter verstummen läßt –: denn diese Stücke sind alles andere als primitiv, alles andere als banal, sie stellen manchmal exquisite Ansprüche in melodischer, rhythmischer und harmonischer Hinsicht. So viel Ironie also ein Hot-Fan wegen seines Auftretens verdienen mag – er pflegt sich oft auch modisch ein besonderes Air zu geben – man kann dennoch nicht ohne Hochachtung von ihm sprechen...

Und nun die Gegenseite! Als der „Schulfunk“ der Nordwestdeutschen Sender einmal in einer Folge von Sendungen die Geschichte der Jazzmusik behandelte, regnete es Zuschriften, die entweder einen kämpferisch bejahenden oder einen böse gereizten Ton hatten. Denn während die Jünglinge bis zu zwanzig Jahren ihr „Bravo! Wir haben gesiegt!“ ausdrückten, wetterten die älteren „Gast“-Hörer des „Schulfunks“ über die fortschreitende Verderbnis, die, über Radiowellen ausgestrahlt, die kindlichen Seelen zersetzen müßte... Nach diesen Briefen schien es, als handele es sich beim Jazz nicht einfach um eine Art Musik, sondern entweder um eine Krankheit, die Fäulnis verbreitet, oder um eine Weltanschauung. Und in der Tat war es ja auch schon die Weltanschauung Hitlers, mit der sich die Jazzmusik offenbar ebensowenig vertrug, wie abstrakte Kunst. Eine Tatsache, welche die damaligen Gewaltigen des „Deutschlandsenders“ indessen nicht hinderte, diese fürs Volk verbotene, weil „andersrassige“ und „entartete“ Musik über Richtstrahler während des Krieges nach Afrika zu senden. Und dies nicht etwa, um den Negern zu geben, was der Neger ist. Sondern weil damals deutsche Flieger sich unter dem Einfluß der englischen Soldatensender zu wilden Jazzfanatikern entwickelt hatten. Wenn es also ohne englischen oder amerikanischen Jazz nicht ginge, so sollten es wenigstens Jazzplatten sein, die man in Berlin ausgewählt und also zensiert hatte ...

Wozu aber so viel Erregung? Wozu der arrogante Spruch von „Fremdrassigkeit“ im Hinblick auf Musik? Denn, wenn es sich beim Jazz um Negermusik handelt, dann gewiß nicht im Sinne von barbarischen Urwaldlauten. – Die Negersklaven, die von Afrika nach Amerika verschifft wurden, die hatten keine Gelegenheit, ihre Buschtrommeln mit hinüber zu nehmen. Da saßen sie in den Südstaaten Nordamerikas, von Heimweh und ihrer großen Trauer zerfressen. Und Hilfe fanden sie nur im geistlichen Trost, den die Missionare ihnen zu geben hatten. Von ihnen lernten die amerikanischen Neger sowohl die Welt des katholisch-gregorianischen als auch die des protestantischen Chorals kennen. Es ist also – wie dies noch heute unschwer zu erkennen ist – die christlich-abendländische Musik, die den Jazz hervorgerufen hat, und zwar auf folgende Art –: die getragenen Choralmelodien verwandelten sich den Negern unversehens zu frommen Sehnsuchtsgesängen in der „blauen Stunde“ nach des Tages Arbeit. So entstand der Blues –: Abendländische Tönalität, empfunden aus der Trauer der Heimatlosen und dem Weh der Unterdrückten! Der gleichen Tönalität, wenn auch anderem Empfinden und anderem Anlaß, aber entstammt das Arbeitslied der Plantagen-Neger, das sie sich selbst zum Ansporn sangen: ein vitaler, kurzatmiger Gesang, der sich vor allem dadurch auszeichnet, daß seine Erfinder mit dem rhythmischen Feingefühl ihrer Rasse eine auffällige Vorliebe für die Synkope an den Tag legten, für jene Verschiebung des dynamischen Gewichts auf den sonst unbetonten Taktteil. Sie erfanden dafür auch das originelle und sinnvolle Wort: „Zerrissene Zeit“. So also ist der Rag-time entstanden. Auf beide. Musikformen aber – auf den Blues und den Rag-time – geht noch heute alle Jazzmusik zurück, mag sie One-step, Foxtrott oder Boogie Woogie heißen.

Es läßt sich freilich nicht auf den Tag bestimmen, aber rund fünfzig Jahre sind es nun, daß in New Orleans ein Grüpplein schwarzer Zeitungsverkäufer sich zusammenfand, um auf der Straße nach Negerart eine Tanzmusik vorzuführen, die ihnen doch aus Europa überkommen war. Noten zu lesen, verstand keiner von ihnen. Sie musizierten also aus der Phantasie, sie improvisierten, ja sie erfanden ein System der Kollektiv-Improvisation, das sich nach den relativ simplen Gesetzen der acht- und sechzehntaktigen Ursprungsmelodie und nach den Vorschriften eines einfachen, gleichbleibenden Harmonik zu richten hatte. Es sind Gesetze, die noch heute gelten, heute, da der Jazz sich in der ganzen Welt ausgebreitet und sogar in den einzelnen Ländern nationale Formen angenommen hat. Natürlich hat sich am deutlichsten das Amerikanische im Jazz manifestiert, so daß die in der Nachfolge Gershwins wandelnden Komponisten nicht zu Unrecht behaupten, sie repräsentierten die nationale Musik Amerikas schlechthin. Nicht umsonst hat ja schon Dvořák in seiner Symphonie, der er den Titel „Aus der Neuen Welt“ gab, im Langsamen Satz ein Negerlied verarbeitet, übrigens eines der schönsten Themen, die je symphonisch „zu Worte kamen“. Wozu also alle Erregung über den Jazz?

Es ist Musik in unserer Zeit, gleichgültig, ob der Jazz sich bot oder sweet, authentisch oder epigonal gebärdet. Kein Geringerer als der Schweizer Dirigent Ansermet hat die Kraft des Jazz sogleich erkannt, als Jazzmusiker nach dem erster Weltkriege zusammen mit den siegreichen amerikanischen Truppen in Paris auftauchten. Er sdrieb in der „Revue Romande“: „Das erste, was in Erstaunen versetzt ... ist der hohe Geschmack und die Leidenschaftlichkeit des Spiels“. Und den Clarinettisten Sidney Bechet, den er einen „genialen Künstler“ nannte, pries er mit folgenden Worten: „Wie erregend ist es, diesem schwarzen Burschen ... zu begegnen, der zufrieden ist, wenn man seine Kunst liebt, obgleich er eigentlich von ihr nichts zu sagen weiß, als daß er seinen ‚eigenen Weg’ gehe. Man könnte dabei denken, daß dieser ,eigene Weg‘ einmal die große Marschroute sein wird, die die Welt von morgen einschlägt.“