Die starke Stellung des Kanzlers in der Bündel regierung beruht nur zum Teil auf den Bestimmungen des Grundgesetzes. Zum andern aber lastet die überragende und eigenwillige Persönlichkeit Dr. Adenauers auf seinem Kabinett, in dem er der „Erste unter Ungleichen“ ist. Sie lastet darüber hinaus auf der ganzen Bonner Atmosphäre. Man vergißt manchmal, daß die Regierung Adenauer kein Ein-Mann-Unternehmen ist, sondern eine Koalition aus drei recht verschiedenartigen Parteien darstellt. Um so mehr haben die beiden Koalitionspartner der CDU – FDP und DP – ein Interesse daran, zu zeigen, daß sie auch noch da sind und Anspruch auf Eigenleben erheben. Die Versuchung, dies überzubetonen, führte in der Hamburger Rede des FDP-Ministers Dr. Dehler zu recht achtlosen Bewegungen im Porzellanladen der Außenpolitik,

Nun haben auch im Bundestag die erster! Demonstrationen gegen eine Gleichschaltung in der Koalition stattgefunden. Sie ergaben sich, als der CDU-Antrag zur Debatte stand, die Regierung möge einen Gesetzentwurf zur Neuregelung der Eigentumsverhältnisse im Kohlenbergbau vorlegen, und CDU-Sprecher erklärten, das alte Ahlener Programm sei noch immer die Grundlage ihrer Sozialisierungspolitik. Da sich in diesem Ahlener Programm sehr erhebliche sozialistische Anklänge befinden, beeilten sich FDP und DP, zu versichern, daß sie jedenfalls kompromißlos gegen jede Form des Sozialismus eingestellt wären. Dann wurde der Antrag mit den Stimmen der CDU und SPD angenommen. Hier also siegte erstmals in einer wichtigen Abstimmung eine Koalition der beiden großen Parteien gegen die Bündnispartner des CDU. Fraglos steht der linke Flügel der CDU der SPD näher als etwa der FDP oder DP. Und diesem linken Flügel zuliebe holte der rechte das Ahlener Programm aus der Versenkung, Demnächst wird der Düsseldorf Landtag neu gewählt, und da muß dieser linke Flügel bei der Stange gehalten werden, sonst könnte die CDU ihre Stein lung als stärkste Partei in Nordrhein-Westfalen einbüßen.

Das Eigentümliche der Situation besteht darin, daß ja in Düsseldorf, Wiesbaden und Hannover die Große Koalition verwirklicht ist. Man weiß, daß der Bundeskanzler ein scharfer Gegner dieser Regierungsbasis in Bund und Ländern ist, Als der nieder sächsische SPD-Minister Kubel seine maßlosen Äußerungen, wonach die Arbeitslosigkeit von der Bundesregierung gewollt und gern gesehen sei, vor dem Bundestag bestätigte, benutzte Dr. Adenauer diese Gelegenheit, um die CDU-Minister im Kabinett in Hannover zum Rücktritt aus der Regierung aufzufordern. In Bonn also zeigt sich das erste Beben in des Kleinen Koalition, und der Bundeskanzler antwortet hierauf mit dem Versuch, die Große Koalition in Hannover zu sprengen. Nichts wäre ihm lieber als eine entsprechende Möglichkeit in Düsseldorf und Wiesbaden.

Man weiß zur Genüge, daß in Nordrhein-Westfalen Arnold, in Hessen Hilpert und in Niedersachsen Gerecke über die Vorzüge der C-oßen Koalition in Bund und Ländern anders denken als ihr Parteiführer Adenauer. In des SPD ist die Lage ähnlich. Hier sind vor allem die hanseatischen Bürgermeister Brauer und Kaisen anderer Meinung als Kurt Schumacher, der da glaubt, der Starke sei am mächtigsten allein. Noch zeigen sich die beiden Führer – Adenauer und Schumacher – in ihrer unversöhnlichen Haltung starrer und stärker als alte Versöhnungstendenzen in ihren Parteien. Der Demokratie ist hierbei nicht ganz wohl Fr.