Die Kestner-Gesellschaft in Hannover hat die Folge ihrer Ausstellungen moderner Kunst unterbrochen, um für zwei Monate eine stolze Reihe von Hauptwerken der mittelalterlichen Kunst in Niedersachsen zu vereinen. Damit wird zweierlei bewirkt: einmal das künstlerische Erbe einer im Mittelalter besonders fruchtbaren Landschaft ihren heutigen Bewohnern eindrucksvoll lebendig zu machen und zum andern die oft erstaunliche Gegenwartsnähe der alten Formensprache aufzuzeigen.

Wenn man hier in unmittelbarer Nahe den neu entdeckten bedeutenden ottonischen Kruzifix aus Ringelheim vergleichen kann mit der strengen, majestätischen Kraft des großen Imeward-Kruzifixes aus dem Braunschweiger Dom, so wird unmittelbar greifbar, daß die Entwicklung der Kunst des Mittelalters keineswegs – wie man in älteren Handbüchern lesen kann – in folgerichtiger Entwicklung zu einer immer stärkeren Erfassung der „Wirklichkeit“ führte, sondern daß es weite Epochen gab, in denen (wie etwa in der unseren) der umgekehrte Weg gegangen wurde. Das ottonische Werk aus dem elften Jahrhundert hat noch sehr vieles vom Erbe der späten Antike in sich, das die karolingische Kunst übernahm, und von hier aus mußte erst Stufe um Stufe der Stil strenger Einfachheit und „archaischer“ Natur ferne gefunden werden, den Meister Imeward etwa hundert Jahre später erreichte. Von da aus geht dann der Weg einer neuen, nun nicht mehr von der Antike herrührenden, aber ihr verwandten eigenwüchsigen Lösung der Formen, für die ein großartiges Beispiel hier in den Teilen dies Hildesheimers Taufbeckens, besonders in den berühmten Trägerfiguren zur Stelle ist, oder in den großformigen Teilstücken der bemalten Holzdecke der Hildesheimer Michaeliskirche.

An anderen Stücken kann man das Nachleben anderer, nicht antiker Vorbilder beobachten, wie in dem einzigartigen Kästchen aus Walroßzahn aus dem Beginn des achten Jahrhunderts mit einer Runeninschrift, die auf Entstehung in Kloster Ely in Südengland weist, das aber schon früh nach Gandersheim gelangte. Hier leben noch Flecht- und Knotenornamente mit Tierformen der Völkerwanderungskunst fort, die dann etwa in dem schönen Psalterium spätkarolingischer Zeit aus Wolfenbüttel sich mit dem Ebenmaß klassischer lateinischer Buchstaben verbinden und uns auch in späteren Werken der Buchmalerei und Goldschmiedekunst abgewandelt immer wieder begegnen. Es sind nur wenige Handschriften hier vereint, aber erlesene Werke: das Sakramentar, das der Mönch Ratmann 1159 im Kloster St. Michael in Hildesheim vollendete, und als Höhepunkt: das Goslarer Evangeliar von 1230 bis 1240, eine der kostbarsten und reichsten Handschriften der spätstaufischen Zeit.

Alles, was jene Jahrhunderte schufen, wuchs aus dem gemeinsamen Boden eines geschlossenen und verbindlichen Weltbildes. Aber es kommt auch unserer Empfindung oft bestürzend nahe, vielleicht, weil wir uns heute deutlicher als je bewußt sind, daß wir diesen Boden verloren haben und etwas suchen, das ihm gleich wäre. Die stärkste Wirkung aber geht darauf zurück, daß diese Dinge nicht etwas darstellen, etwas abbilden, also keine Scheinwelt erstehen lassen, sondern selbst etwas sind. Ihr Wesen ist in einem Maße „seiend“, wie das keiner neueren Kunst seit der Renaissance, trotz aller Bemühungen bis heute. Walter Pennel