E. V. Oberammergau, im Februar

Noch muß man in Murnau den Garmischer Schnellzug verlassen und in die Bummelbahn umsteigen um nach Oberammergau zu gelangen. Bald aber wird der Reisende sich schon in München den Wagen suchen können, der ihn von der ruinenbestandenen Schwanthalerhochebene direkt in den Talgrund der Ammergauer Berge trägt. Und schon jetzt sind für die erwarteten Festspielgäste die Bauernhäuser von Oberammergau wie aus der Spielzeugschachtel neu geputzt. Neue Brücken, Anlagen, Bänke, neue Siedlungsbauten für die Flüchtlinge und ein neues Wasser Versorgungsnetz wurden schon im Herbst geplant und gebaut. Schnee liegt jetzt darüber, und Oberammergau scheint zu träumen, bald aber wird es hier bunt und lebhaft werden. Man glaubt zwar nicht mit den Rekordbesucherzahlen von 1930 und 1934 rechnen zu können, erhofft insgeheim aber doch einen noch größeren Zustrom, insbesondere vom Ausland. Man hofft vor allem, daß die überseeischen Pilger-im Sancto Anno den weiten Trip nach Rom mit einem Abstecher nach Oberammergau beginnen oder beschließen werden. Und deshalb betreibt die Bundesbahn emsig den Ausbau für die schnelle Abfertigung von unzähligen Sonderzügen. Die Bundespost aber hat in Oberammergau nicht nur das alte Postamt aufgestockt und in der Ortsmitte ein zweites Postamt errichtet, sie hält auch eine ganze Brigade neuester Omnibusse in Bereitschaft. Und auch die Vertreter, Händler und Kaufleute der nahen und ferneren Umgebung sind bereit. Sie haben ihre Anpreisungen schon ausgearbeitet: „Diesen Kalender im versilberten Etui zu DM 1,50 wird jeder Festspielteilnehmer kaufen“; „Wer stundenlang im Theater sitzt, hat Durst, also...“; „Falls ein Gast keine Zeit hat, Linderhof zu besuchen, wird er gewiß diese künstlerisch ausgeführte Karte zu DM 1,00 erwerben“; „Für Amerikaner diese Postkarten in herrlich giellen Farben, der Satz DM 5,00“; „Almenrausch, Edelweiß und Enzian stehen unter Naturschutz. Jeder Gast wird natürlich das aus Silber- und Golddraht der Natur getreu nachgebildete Sträußchen zu DM 3,00 als unverwelkbare Oberammergauer Erinnerung mitnehmen.“

Der „guten Ideen“ gibt es mehr, die Kassen jedoch sind noch leer. Begierig wartet man deshalb auf die Frühjahrssonne, daß sie den Schnee schmelze und die hoffentlich recht zahlreich mitgebrachten dicken Geldbörsen.