Von Walter Persian

Sven Hedin wurde am 19. Februar 85 Jahre alt. Hat er – ein anderer Fall Hamsun – auch politisch geirrt, als er Hitler unterstützte, so wirkte er doch als Forscher groß und bahnbrechend. Dies ihm nicht zu danken, entspräche einer ähnlich Ignoranten Haltung, wie sie die Nazis bewiesen, als sie „folgerten“: Einstein sei Jude, also könne er kein Genie sein.

Die religiösen und kulturellen Zentren Mittelasiens sind Lhasa und Taschilunpo. Beide Städte haben als Sitz höchster lamaistischer Inkarnationen, des Dalai- und des Pantschen-Lama, dem Leben und der Ideologie des lamaistischen Kulturkreises – der Tibet, die Mongolei, Nepal, Bhutan, Sikhim und Teile Zentralchinas umfaßt – einen unauslöschbaren Stempel aufgedrückt. Die interessanteste Stadt in der Vorstellung der Europäer ist Lhasa, doch über Tibet, dieses hierarchische Reich im Innern Asiens weiß man im allgemeinen nur wenig. Als Sitz des regierenden Hierarchen Tibets, des Dalai-Lama, war die tibetanische Hauptstadt nach der Jahrhundertwende das am meisten erstrebte Ziel vieler abendländischer Forscher, Männer, wie zum Beispiel Przewalsky, Bonvalot, Henri de Orleans, Rockhill, Wilhelm Filchner und andere versuchdritte Macht auf den lamaistischen Religionsstaat in sich schloß. Die absolute Souveränität des chinesischen Staates über die Tibeter wurde erst im Verlaufe des vorigen Jahrhunderts erzwungen, als man zur „Wahrung berechtigter Interessen“ größere Truppeneinheiten nach tibetischen Plätzen in Garnison legte und außerdem der Bevölkerung verbot, fremde Forscher ins Land zu lassen.

Nach den chinesischen Revolutionen der Jahre 1911/12 erklärte sich das lamaistisohe Reich ebenso wie die Außenmongolei für autonom. Das Streben der zaristischen sowie anglo-indischen Asienpolitik ging dahin, zwischen Indien und Rußland ein Puffergebiet zu legen, das sich aus Tibet und Sinkiang zusammensetzte. Als aber zaristische Ambitionen darauf hinzielten, in Lhasa einen bestimmten Einfluß zu erreichen, der ten unter Aufbietung der größten Energie und List immer wieder den Eintritt nach Lhasa zu erzwingen. Sie wurden stets zur Umkehr gezwungen. Auch Sven Hedin blieb keineswegs davon verschont.

Die älteste Kunde, die im Abendland erhalten ist, befindet sich in einer merkwürdigen Formulierung bei Herodot (Buch III, 102/105). Er berichtet auf Grund persischer Mitteilungen aus Indien, daß es im Norden von Kaspatyros (Kaschmir) eine Art von Ameisen in einer sandigen Wüste gibt, größer als Füchse, die beim Bau ihrer Erdhöhlen goldhaltigen Sand zutage fördern, den dann die Inder mit List diesen „gefährlichen Tieren“ abjagten. Das wurde Lange für eine Fabel gehalten, bis neuere Forschung ergab, daß ihr vermutlich eine Beobachtung der in damaliger Zeit betriebenen tibetischen Goldgewinnung zugrunde liegt, wie sie noch heute durchgeführt wird. Die Tibeter graben sich Schächte, dringen mit Hunden in das Berginnere ein, und wenn sie Gold gefunden haben, so wird es durch die Tiere ans Tageslicht befördert. Auch der von Herodot geschilderte landschaftliche Charakter trifft im wesentlichen zu, obgleich er von der Höhenlage Tibets keine Ahnung hatte. Die erste sichere Nachricht über Tibet kam von dem päpstlichen Sondergesandten Pater Johannes, auch Piano Carpini genannt, der auf seinen Reisen durch das Land der Tataren im Jahre 1245 von „Bhuri Thabet“ berichtete. Um 1329 betrat, soweit bekannt, der erste Europäer das eigentliche Tibet und weilte auch für einige Zeit in Lhasa. Es war der Franziskaner Oderico da Pordonone, der von dem Abassi (Dalai-Lama) berichtete, der „soviel als ein Pabst sei“ und von den Bewohnern verehrt würde.

Dann gelangte für drei Jahrhunderte kein Europäer nach dem lamaistischen Religionsstaat. Erst um 1625 wurde eine ausgesprochene katholische Missionstätigkeit in Tibet durch den Jesuiten Antonie de Andrale eröffnet. Im Anfang des 18. Jahrhunderts erhielten die Kapuzinerpater von Ancona durch eine päpstliche Kongregation die alleinige Erlaubnis für eine Missionsarbeit in Tibet. Wenige Jahre später trat ein Ereignis ein, daß bis zur Gegenwart sämtliche katholischen Missionsbestrebungen unter den Tibetanern beendete. Der chinesische Kaiser Kien lung (1736/96), als Feind der „Fremden“ bekannt, riegelte durch entsprechende Maßnahmen die Grenzen Tibets nicht nur gegen Indien, wegen der nepalischen Gurkha-Unruhen, ab, sondern verbot allen Europäern ohne Unterschied des Standes das Land zu betreten. Er erhielt von dem damaligen VII. Dalai-Lama die Bevollmächtigung – die Chinesen hatten. seit der Regierung des mongolisch-chinesischen Kaisers Hubilai Khan (1260/94) durch einen Vertrag die politische Verwaltung und den militärischen Schutz Tibets übernommen. Es war eine verwaltungstechnische Souveränität, die eine militärische Verteidigung im Falle eines Angriffs durch eine dazu noch von dem damaligen XIII. Dalai-Lama gefördert wurde, entschloß sich Großbritannien nach mehreren tibetischen Brüskierungen zu dem bekannten „Marsch nach Lhasa“. Wie in der Gegenwart, so verfolgte auch vor siebenundvierzig Jahren die Weltöffentlichkeit mit Interesse die erste militärische Invasion Tibets. Dreitausend Mann anglo-indischer er Truppen überschritten im Dezember 1903 die tibetische Grenze, und erst nach Monaten, am 3. August 1904, erreichten sie Lhasa. Die Schwierigkeiten waren keineswegs durch eine starke tibetische Abwehr, vielmehr durch den geophysikalischen Charakter des 1,1 Millionen Quadratkilometer großen Landes bedingt, das zum größten Teil um mehr als viertausend Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Auch in dem englisch-russischen Tibetvertrag von 1907 wurde durch beide Großmächte ausdrücklich festgelegt, daß fremde Expeditionen das Land nicht mehr bereisen durften. In dieser Zeit startete Sven Hedin seine dritte Tibet-Expedition, die zu der interessantesten des schwedischen Forschers gehört. Während der ersten Expedition hatte Sven Hedin nur den Norden Tibets berührt, die heutige chinesischkommunistische Provinz Chinghai. Er hatte die Expedition in Peking beendet. Nach erfolgter Auswertung begab er sich 1899 wieder nach Innerasien, erforschte den Tarimfluß in Sinkiang, entdeckte die Ruinenstadt Loulan und den wandernden See Lopnor. Eine Wanderung über die hohen Gebirgsketten von Ludsinkiang und heutiges Nordtibet und eine Durchquerung großer Wüstenstrecken bestärkten Sven Hedin, den Versuch aller Innerasienforscher zu machen – Lhasa zu erreichen. Die Karawane wurde geteilt, er selber degradierte sich zu einem mongolischen Knecht, wurde dennoch als Europäer erkannt und von tibetischen Wachmannschaften umzingelt. Trotz persönlicher Verhandlungen mit dem zuständigen tibetischen Provinzgouverneur und eines nochmaligen Versuches, nach Lhasa vorzudringen, mußte er den Rückzug über Leh nach Indien antreten.