Von J. A. v. Rantzau

Die heutige Situation in Deutschland zeigt, leider, verwandte Züge auf mit der Zeit, da der erste Reichspräsident, Friedrich Ebert, starb. Schon dies ist ein dringlicher Anlaß, seines Todestages zu gedenken. Damals – und heute ist es nicht anders – begannen breite Schichten unse-es Volkes zu vergessen, wer Deutschland in den Krieg gegen die größten Weltmächte und damit notwendigerweise in den Zusammenbruch hineingeführt hatte. Die nationalistische Rechte versuchte seit Beginn der zwanziger Jahre mit zunehmender Heftigkeit, für den Verlust des Krieges diejenigen Parteien und Politiker verantwortlich zu machen, die nach zwingender geschichtlicher Logik die Erbschaft des Kaiserreiches angetreten hatten, dessen führende Persönlichkeiten ihren politischen Aufgaben ja in keiner Weise gewachsen gewesen waren. Ja, schon bald nach 1919 bemühten sich die konservative und nationalistische Rechte, die sozialdemokratische Partei mit Hilfe der verlogenen Dolchstoßlegende zu diskreditieren, ihren weithin sichtbaren Exponenten aber, den Reichspräsidenten Ebert, der doch als menschliche Persönlichkeit jedem Reichskanzler nach Bismarck mindestens gewachsen, wenn nicht überlegen war, als „Sattlergesellen“ zu bespötteln und ihn wegen seiner vermittelnden Tätigkeit im Munitionsarbeiterstreik des Winters 1917/18 als Vaterlandsverräter zu schmähen. Unfähigkeit zur Objektivität und bewußte Ungerechtigkeit gegenüber dem politischen Gegner haben viel in der Zeit nach 1918 dazu beigetragen, in den breiten mittelständischen Schichten ein vollständig falsches politisches Weltbild zu erzeugen und unser Volk in eine neue, weit schlimmere Katastrophe zu führen.

Gewiß, manche Angehörige unserer bürgerlichen. Parteien, bis in die Reihen der Rechten hinein, die mit Friedrich Ebert in Berührung kamen, schätzten in ihm den überlegen ruhigen, verantwortungsbewußten Politiker, der nichts von dem Ideologen und Phantasten an sich hatte, den man früher bürgerlicherseits so gern in einem Sozialisten vermutete. Auch ein kühler ausländischer Beobachter, der Ebert kritisch abwägend gegenüberstand und alles andere als sein Freund war, der britische Botschafter in Berlin, Lord d’Abernon. kann seiner gelassenen Würde im amtlichen Auftreten, seinem abwägenden Takt im politischen Gespräch die warme Anerkennung nicht versagen. Bei Ebert kam es nie zu den unbeherrschten Gefühlsausbrüchen, die das deutsche Volk an seinen Politikern zwar schätzt, die aber der deutschen Politik, wie man immer wieder erlebt, schwersten Schaden zufügen. Menschliche Züge, warmherzige Äußerungen, drastische Aussprüche in der Öffentlichkeit sind auch von Ebert überliefert. Sie trugen gewiß dazu bei, ihm in den breiten Volksschichten, über die Kreise seiner Parteigenossen hinaus, Sympathien zu schaffen. Aber als Träger politischer Verantwortung, seit 1905 als Mitglied des sozialdemokratischen Partei vorstandes, als Partei Vorsitzender nach Bebels Tode im Jahre 1913, als Regierungschef und Reichspräsident nach 1918 zeigte er sich stets als der vernünftige, besonnene süddeutsche Realist – der von jeher und auch grade heute in unserem politischen Leben eine so wichtige Ergänzung zum norddeutschen Doktrinär bedeutet.

Schon als Leiter der Sozialdemokratischen Partei steuerte er einen klug vermittelnden Kurs zwischen klassenkämpferischem Radikalismus und versöhnlichem Reformismus. Im August 1914 setzte, er sich für die Bewilligung der Kriegskredite ein, sah aber schärferen Blicks als so mancher Minister und einflußreiche Reichstagsabgeordnete von vornherein die politische und militärische Lage des Deutschen Reiches in ihrem vollen Ernst. Bei seiner wirklichkeitsgemäßen und sorgenvollen Beurteilung des Kriegsverlaufs mußte auf ihn, wie übrigens auch auf die meisten der anwesenden Parlamentarier aus den bürgerlichen Mittelparteien, der Empfang bei Wilhelm II. im Jahre 1917 erschütternd wirken, Der Kaiser sollte sich über die Strömungen im Volk und im Reichstag unterrichten, er ließ niemand zu Wort kommen, verkündete, „seine“ Garden würden den Russen ihre neue Demokratie schon austreiben, „seine“ Unterseeboote hätten die Weltmeere von feindlichen Fahrzeugen reingefegt. Ebert, aber auch die denkenden unter den bürgerlichen Abgeordneten, gingen entsetzt über die selbstherrscherliche Ahnungslosigkeit davon. Könnte man das Ergebnis solcher Erfahrungen mit dem „persönlichen Regiment“ zwischen 1890 und 1918 durchdachter und maßvoller zusammenfassen als in Eberts späterer Rechtfertigung der Demokratie: „Die modernen Völker mit ihrem alle Schichten umfassenden komplizierten Apparat können kein anderes System der Regierung und Verwaltung ertragen, als dasjenige, das die mitverantwortliche Teilnahme. aller an den Geschicken des Staates ermöglicht.“

Zweimal hat Ebert nach 1918 durch persönliches Eingreifen diese „Teilnahme aller“ am politischen Leben gesichert; am 6. Januar 1918, als er die Massen der sozialdemokratischen Arbeiter Berlins – und nicht, wie man später behauptet hat, Truppenverbände und Freikorps! – zum Schutz des Regierungsviertels erfolgreich gegen die Spartakisten aufbot; und ebenso im März 1920, als Reichspräsident und Reichsregierung durch den Generalstreik der arbeitenden Massen das Unternehmen des verantwortungslosen Putschisten Kapp und seiner gedankenlosen Mitverschworenen erledigten. Damals, und wieder noch in der Staatskrise von 1923, als seine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem General v. Seeckt die Sicherheit, ja das Bestehen der Republik gegen Rechts und Links sicherstellte, hat er in entscheidenden Stunden seine Fähigkeit zu richtiger politischer Entscheidung bewiesen, die seinem so ganz unpolitisch veranlagten Nachfolger zum Unheil unseres Volkes nicht verliehen war.