Dr. M. W. T. Bandy, Professor für französische Literatur an der Universität Madison im Staate Wisconsin (USA) hat eine Entdeckung gemacht, über die er sehr erschrocken ist. Mr. Bandys Spezialität sind Muselalmanache; er besitzt zu Hause eine ganze Bibliothek davon, und als er neulich bei einem Washingtoner Antiquar aus einem Haufen vergilbter Schmöker einen Musenalmanach aus dem Jahre 1836 hervorholte, der ihm bislang in seiner Sammlung fehlte, stieß er zunächst einen (professoral gedämpften) Freudenjuchzer aus.

Mr. Bandys zweites Steckenpferd ist Baudelaire; er ist Baudelairianer von Ruf und er hat mehrere Bücher über den Dichter der „Blumen des Bösen“ geschrieben. Als er die erste Seite seines Almanachs umgeblättert hatte, machte er eine zweite Entdeckung, die sein Gesicht erstarren ließ. Er fand unter dem Titel „Der junge Zauberer, nach einem Papyrus aus Herculanum“ eine Novelle, die ihm bisher nur in dem eleganten Französisch Baudelaires geläufig war. Es war der englische Originaltext einer Erzählung, die Baudelaire unter dem gleichen Titel und unter seinem Namen 1846, ein Jahr nach dem Erscheinen des ersten „Salons“ in der Zeitschrift L’Esprit public veröffentlicht hatte und die später in sämtlichen Baudelaire-Ausgaben als das erste selbständige Prosawerk des Dichters erschienen ist. Mr. Bandy ging der Sache auf den Grund und identifizierte als anonymen Verfasser des „Jungen Zauberers“ den englischen Schriftsteller George Croly.

Baudelaire hat nicht nur seine Biographen hinter? Licht geführt. Er schrieb damals seiner Mutter einen Brief, in dem es heißt: „Du weißt sicher noch nicht, daß jetzt im Esprit public eine Novelle von mir erscheint. Drei Sou für die Zeile. Geld gibt’s erst am Monatsende...“ Madame Aupick wird sich über ihren mißratenen Sohn gefreut haben, und auch George Croly kann sich nicht beklagen, denn seine Novelle wäre sanft in ihrem Musenalmanach vermodert, wenn nicht Baudelaire auf die Idee gekommen wäre, den knauserigen Redakteuren des Esprit public ein Kuckucksei ins Nest zu legen.

Daß der „Junge Zauberer“ ein Fremdkörper im Werk des Dichters war, haben die besten unter den Baudelaire-Kennern sehr wohl gemerkt. Der nüchterne und kluge Jean Pommier, Professor am College de France, schrieb den ahnungsvollen Satz: „Höchst seltsam, dieser Junge Zauberer‘! Und so wenig in der Linie Baudelaires, daß man vermuten könnte, der Dichter habe seine Novelle stellenweise aus einer fremden Vorlage übersetzt...“, Féli Gautier dagegen las aus der Novelle „die Geschichte der Illusionen und frühen Enttäuschungen des Jünglings Baudelaire“.

Professor M. W. T. Bandy besagt im Grunde nichts Neues. Baudelaire hat die Gedanken E. A. Poe’s, Delacroix’ und Quincey’s so oft „plagiiert“, daß Valéry, dem die These vom „Künstler und seinem Double“ nicht zusagte, darüber die Stirn runzelte und daß es sich fast lohnte, über dieses Thema eine Doktorthese zu schreiben. „Als ich das erstemal ein Buch von ihm aufschlug“, schreibt Baudelaire über seine Begegnung mit Poe, „sah ich mit Schrecken und Staunen, daß er nicht nur die gleichen Träume, wie ich gehabt, sondern zwanzig Jahre vor mir Sätze geschrieben hatte, wie ich sie gedacht hatte.“ Warum sollte nicht auch Mr. George Croly solche Sätze geschrieben haben? G. St.