Von Carl N. Nicolaus

Es ist mit den Gesetzen genau wie mit anderen „Taten“: man stellt sich ihre Wirkung entweder gar nicht, oder man stellt sie sich falsch vor. Wenn die Menschen die Folgen ihrer Handlungen gründlicher bedenken würden, sähe es besser aus in der Welt.

Es liegt im Wesen der meisten Gesetze, daßsie „gegen“ etwas sind. Je exakter präzisiert ist wogegen, desto besser.

Da steht jetzt also ein „Gesetz gegen Schund und Schmutz“ zur Debatte. Was ein Mord ist oder eine Urkundenfälschung, steht fest. Man braucht die Tatbestände nur mit den festen Begriffen „Mord“ oder „Urkundenfälschung“ zur Deckung zu bringen und die Folgerungen ergeben sich – logisch und juristisch – von selbst. Bei „Schund und Schmutz“ aber ist es eine andere Sache. Denn „Schund und Schmutz“ sind unbestimmte Begriffe. Man könnte – etwas übertrieben – fast sagen, daß sie Gefühle sind. Gefühle lassen sich mit juristischen Normen nie ohne Gewaltsamkeit „zur Deckung“ bringen. Die Entscheidung gibt da das Gefühl des Richtenden. Und mit Gefühlen wollte man ja nicht operieren, weil vom Gefühl zur Willkür nur ein winziger Schritt ist. Man kann dies bedauern, aber leider ist es so.

Gewiß, schon das Wort „Lüsternheit“ hat etwas Abstoßendes. Aber genaugenommen: wo hört die „gesunde Sinnlichkeit“ auf und wo fängt die „Lüsternheit“ an? Man vergesse doch nicht, daß man Partien aus Richard Wagners „Rheingold“ seinerzeit öffentlich ein „Huren-Aquarium“ genannt hat und daß vor „Tristan und Isolde“ als „Inbegriff der Lüsternheit“ gewarnt wurde. Das sind Wertungen, die heute nur mitleidiges Lächeln und Kopfschütteln auslösen werden. Und doch, wie leicht wäre es unter Umständen gewesen, damals vermittels eines entsprechenden Gesetzes „Tristan und Isolde“ in den Schund- und Schmutzabgrund zu stoßen.

Ich habe nun, um die „Folgen“ eines solchen. Gesetzes einmal praktisch auszuprobieren, mir aus einer Leihbibliothek die Titel der Bücher geben lassen, die dort „am meisten“ gelesen werden, und zwar ausschließlich Neu- oder Wiedererscheinungen seit 1945. Die Liste umfaßte vierzehn Romane. Die Durchsicht dieser Bücher ergab, daß bei sieben von ihnen durchaus vorstellbar war, irgendein Leser könnte versucht sein, sie in die Maschinerie eines Schmutz- und Schundgesetzes hineinzupraktizieren. Denn es ist ja eine alte Erfahrung, daß, wenn solche Gesetze da sind, zahlreiche Leute diese Maschinerie gern immer auf vollen Touren laufen sehen, und sei es auch weniger aus beleidigtem sittlichem Empfinden als aus – Schadenfreude.

Wohlgemerkt: es handelt sich bei sämtlichen Büchern um die Erzeugnisse achtbarer, teilweise großer Verlage von europäischem Ruf.