Schwarzer Adler“ wurde eine Räuberpistole, Armer verfilmter Puschkin! ‚Absender unbekannt“ wurde eine „Filmklamotte‘. „Eines Tages“ ist „alter Kintopp“ ... Einmal werden auch die deutschen Filmproduzenten einsehen, daß bittere Pillen nicht unbedingt mit einem dicken Zuckerguß überzogen sein müssen, damit das Publikum sie schluckt. – Das sind drei kritische Stimmen zu drei Filmen, herausgegriffen aus der Fülle der gerade in Hamburg laufenden Unterhaltungsfilme. Die von der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg soeben veranstalteten Filmtage beschäftigten sich mit der ‚Wirkung des Films auf die Jugend“, und es hieß, daß speziell diese Art von Kriminal- und Unterhaltungsfilmen den jungen Menschen nichts Gutes brächte. Gerade in Deutschland werde der Film als Kunst- und Erziehungsmittel immer noch nicht ernst genug genommen, während doch in Frankreich ein Filminstitut an der Sorbonne und die sehr zahlreichen Filmklubs durch Anerkennung und Boykott Einfluß auf die Filmindustrie zu nehmen versuchten. Da der Film bei der Jugend seine stärkste Anhängerschaft habe, so müßten die nachteiligen Einflüsse verhindert werden.

Bisher haben sich die Landesbildstellen schon sehr ernsthaft um den Unterrichtsfilm bemüht, der erfolgreich als Lehrmittel in des Schulen herangezogen wird. Auch der Kulturfilm und der Dokumentarfilm erhalte stärkste Förderung, Große Hoffnungen werden, auch auf jene neuerdings immer stärker hervorgetretene Form des dokumentarischen Spielfilms gesetzt, den man für den Film der Zukunft halten kann. Die Tendenz „Weg von der Traumfabrik!“ wird immer stärker. Nicht nur Hollywood beginnt, sich umzustellen. Nicht mehr die Filme einer verkitschten Scheinwelt, einer verdünnten Wirklichkeit, sondern künstlerisch bedeutende Werke der verdichteten Wirklichkeit haben in letzter Zeit die größten Erfolge, Filme, die das Leben packen und mutig in ihrer Themenstellung sind, Filme, die das Schuldbuch der Menschen an einer schmerzenden Stelle aufschlagen: dem Mangel an Liebe zum Mitmenschen.

Neben den am Anfang zitierten belanglosen Streifen laufen augenblicklich vier dieser wirklich meisterhaften Werke in Hamburg „Die Nachtwache“ (Regie Harald Brown, siehe „Die Zeit“ vom 2. November), der Carol-Reed-Film „Der dritte Mann“, der amerikanische Lebensbericht einer Taubstummen „Schweigende Lippen“ (Regie Jean Negulesco) und ein Film aus China nach dem viel gelesenen Buch von Pearl S. Buck „Die gute Erde“ (Regie Sidney Franklin). Wie in den beiden letzten Filmen in großartigen Bildern eine Landschaft sich spiegelt – einmal das karge Inselland Neuschottlands in Kanada, im anderen Fall die Heimat der chinesischen Bauern –, das geht weit über das hinaus, was Worte uns als Vorstellungswelt zu vermitteln vermögen. In beiden Filmen ist das Leben einfacher Menschen, ihre Tränen, ihr Lachen, ihr kleines Glück, ihre Not so echt und ehrlich an Einzelschicksalen dargestellt, daß eine allgemeingültige Aussage über Land und Leute entstanden ist.

Was man sich bisher aus Berichten über Naturkatastrophen, Hungersnöten, Aufständen und Krieg in China vorstellen konnte und was Pearl S. Buck bereits im Buch darüber berichtete –, hier im Film „Die gute Erde“ ist es als eindringliche Wirklichkeit dokumentarisch zu sehen. Erinnern die Massenszenen, denen man zu stark den Übereifer der Regie anmerkt, auch noch an alte Filmmethoden, so ist der Einfall eines Heuschreckenschwarms und der verzweifelte Kampf der Menschen gegen diese Naturkatastrophe so einmalig von der Kamera und dem Tonapparat geschildert, daß selbst der routinierteste Filmbesucher atemlos wird.

Auch der Film „Schweigende Lippen“ danke seine Überzeugungskraft nicht zuletzt Darstellern von hohen Graden, besonders Jane Wymann, die zuchtvoll und klar und ganz ohne Rührseligkeit mit der rührenden Zeichensprache eines vom Leben benachteiligten Menschen die Herzen der Zuschauer bewegt. Trotz der starken Spannung der Handlung ist dieser Film wie auch „Der dritte Mann“ weit entfernt davon, ein billiger Reißer zu sein, da er ohne penetrante Belehrung, aber auch ohne Sentimentalität einem ethischen Ziel dient und die Menschen zurückruft aus der bequemen Flucht in die Gedankenlosigkeit. (Siehe das Bild auf Seite 5.)

Erika Müller