Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

Der Strand in London verbindet Westend und City, das Regierungsviertel und die Hochburg von Handel und Finanz. Wer sich vom Westen her diese Straße entlangtreiben läßt, wird nicht nur von Kinoreklamen und Hotelfassaden, von billiger Konfektion und exquisit-teuren Feuerzeugen angezogen. Er kann nicht umhin, auf Lockrufe zu achten, die nach „Lehrern für die Zukunft“ suchen – wobei „die Zukunft“ in Neusüdwales liegen soll. Er muß auch einen Blick auf die Photographien gewaltiger Felder und riesiger Erzberge werfen, die für Rhodesien werben. Derart vorbereitet, kommt man zum Australia, House, wo es offenbar nicht mehr der Werbung, nur noch der Instruktion bedarf: „Eingang für freie Passagen. Unverheiratete Männer“ heißt es an der einen Glastür, „Auskunft für Familien“ an einer anderen. An den „Schaltern zur Freiheit“ stehen lange Schlangen. Von fünfzig Millionen Briten sind seit Kriegsende mehr als eine halbe Million ausgewandert. Nicht nur nach Australien. Auch Südafrika, Kanada, Nord- und Südamerika, selbst die Kolonien haben eine Anziehungskraft ausgeübt, die noch sehr viel mehr Menschen ergriffen und aus England fortgezogen haben würde, wenn es nicht an Schiffsplätzen für akzeptierte Auswanderer fehlte, wenn nicht die geringe Zahl der verlangten Berufe – Facharbeiter, Landarbeiter, Kapitalbesitzer, Lehrer, Ärzte, Krankenschwestern – viele Hunderttausende von den Schaltern fernhielten.

Wer etwas über den englischen Frieden von heute, über die Sehnsüchte der Menschen auf der Insel und über den wahren Hintergrund der Wahlentscheidung am 23. Februar erfahren will, kann an den Schlangen im Australia House nicht vorübergehen. Hier wird nicht „Konservativ“ oder „Labour“ gewählt, sondern ein „neuer Anfang“. Das hat keine Partei hier in England zu bieten.

Was das alles mit der Unterhaus-Wahl zu tun hat? Selten hat man in einem Wahlkampf so stark wie in diesem britischen das Gefühl gehabt, daß er „zu früh“ kommt. In zwei Jahren vielleicht wird England sich über all die Fragen entscheiden wollen, die ihm heute vorgelegt werden. Etwa diese: „Glauben sie, daß die Sozialisierung einen Sinn hat?“ Nein-, die meisten glauben es nicht, auch viele Arbeiter nicht, die dennoch Labour wählen werden. Typische, entschuldigend vorgebrachte Antwort eines Bergarbeiters an den „Außenstehenden“: „So schlecht, wie die Presse den staatlichen Bergbau macht, so schlecht ist er nun wieder nicht!“ Nein, natürlich nicht. Aber unter sich reden die Bergleute von etwas ganz anderem. Unter sich schimpfen sie, was das Zeug hält, auf die neuen „Bonzen“, auf die Gewerkschaftsbeamten, die jetzt zu Zechenbeamten geworden sind – und viel höhere Gehälter für etwas beziehen, von dem sie längst nicht so viel verstehen, wie vom Gewerkschaftswesen Die Enttäuschung der Bergleute läßt sich bereits messen, so groß und wirklich ist sie: 20 000 Bergleute weniger gibt es heute als vor einem Jahre. Noch immer nimmt die Zahl ab, rät der Vater dem Sohn: „Junge, geh in die Industrie, da hast du bessere Aussichten!“

Und doch weiß man, daß es bei der Kohle – und bei den Eisenbahnen und bei den Gaswerken, Stromwerken, Wasserwerken, kein Zurück gibt. Es graut den Menschen vor dem Moloch, der dort, in der Staatswirtschaft, heranwächst. Und doch blicken sie wie gebannt auf sein Wachstum. Doch stimmen nur die ohnehin schon „Bürgerlichen“ deshalb gegen Labour. Die Arbeiter gehen achselzuckend fort, der Antwort ausweichend.

Warum? Hat Labour so viele andere Ideale in ihnen geweckt, für sie zum Leben gebracht? Oder hält sie das schützende Dach der Vollbeschäftigung oder die soziale Sicherheit? Gewiß, die freie Gesundheitsfürsorge: als Anspruch, nicht als Almosen, ist Labours beste Karte. Aber man, darf auch die Kehrseite nicht vergessen: wieviel menschliche Nächstenliebe dadurch ziellos geworden ist! „Der Staat“ hat die Sorge um die Gesundheit der Familie übernommen. Nicht nur jeder Familienvater, auch jeder „Schatzmeister“ eines Krankenhauses, das bisher von freiwilligen – Spenden abhängig war, muß erleichtert aufatmen. Aber die Spender? Ihr Herz hat eine kalte Dusche bekommen. Es wird lange dauern, bevor sie sich von dem Schock erholt haben, daß jetzt der Steuerbeamte fordert, wo früher der Schatzmeister bat – und bekam.

Der Steuerbeamte fordert, nicht nur von „den Reichen“, nein, auch vom Mittelstand. Und er fordert nicht nur für Gesundheitsfürsorge, Erziehung, Verteidigung und Kolonialverwaltung. Er fordert auch für die Lebensmittelsubventionen fast zehn Pfund Sterling jährlich für jeden Engländer, ob reich oder arm, jung oder alt. Das ist eine gewaltige – und kostspielige – Einkommensumschichtung, die jeden einzelnen in England zweimal angeht, als Verbraucher und als Steuerzahler. Es hat sich in diesem Wahlkampf etwas mehr herumgesprochen, daß viele Zehntausende von Engländern nur damit beschäftigt sind – und dafür bezahlt werden – diese Einkommensumschichtung vorzunehmen.