Der erste Sturm um Hedler ist vorüber. Aber weder die zahlreichen Protestaktionen in ganz Deutschland noch die erregte Debatte im Bundestag haben uns dem Kern dieser Angelegenheit irgendwie nähergebracht. Denn es handelt sich keineswegs nur um die Person Hedlers und um seine Rede in Einfeld. Es steht auch nicht allein die Aufgabe zur Debatte, die so notwendige Grenze zwischen Justiz und Politik klar und eindeutig zu ziehen. Fraglos ist Wolfgang Hedler zugleich eine recht unbedeutende und recht unerfreuliche Erscheinung. Fraglos wurde der Prozeß gegen ihn mangelhaft vorbereitet und mit unzureichenden Waffen geführt. Da sowohl die erforderlichen Beweise wie die einschlägigen Gesetzesparagraphen fehlten, wäre es besser gewesen, den Staatsanwalt gar nicht erst erfolglos zu bemühen. Gewiß, es stände übel um uns, wenn heute jemand ungestraft öffentlich sagen dürfte, alle deutschen Widerstandskämpfer seien Lumpen und Verräter. Und es wäre noch schlimmer, wenn wir keine Handhabe hätten, eine Neuauflage der antisemitischen Hetze von ehedem zu verhindern. Aber nichts wirklich Strafbares ist Hedler bisher nachgewiesen worden. Und letzten Endes ist es ja nicht der vollendete Tatbestand der Beleidigung oder Verleumdung, der uns am meisten beschäftigen und beunruhigen sollte. Mit der ultima ratio des Staatsanwalts kann man immer nur an die Auswüchse herankommen, nicht aber an die Sache selbst. Die Justiz eines Rechtsstaats ist machtlos dagegen, daß ein Redner etwa erklärt, er könne keine Sympathien für die Juden empfinden und er halte die Handlungsweise der Männer des 20. Juli für falsch. Sie ist erst recht machtlos dagegen, daß aus solchen Äußerungen politisches Kapital geschlagen werden kann. Wenn ein Teil der Bevölkerung wirklich glaubt, an unserem Unglück seit 1945 sei der 20. Juli schuld, so kann sich ein Agitator – unter Vermeidung jedes formell beleidigenden Wortes – mit seinem Publikum über die gemeinsame Abneigung mühelos verständigen. Und in dieser Verständigung liegt dann der politische Erfolg.

In der Urteilsbegründung von Neumünster findet sich die Feststellung, das Gericht sei nicht für die Beurteilung der Widerstandskämpfer zuständig. Das ist vermutlich der vernünftigste Satz, der bisher in der Hedler-Affäre gesprochen worden ist. Aber die Hintergründe der ganzen Angelegenheit wurden am stärksten aufgehellt, als ein SPD-Abgeordneter während der Bundestagsdebatte einem DP-Abgeordneten zurief: „Sie waren in der NSDAP, als wir im Zuchthaus saßen.“ Das ist etwa ebenso zu beurteilen, wie wenn heute unter ehemaligen Soldaten gesagt wird: „Die Emigranten haben wohlgeborgen im Ausland gesessen, während wir an der Ostfront kämpften.“ Die gemeinsame Ebene solcher Äußerungen ist das Ressentiment. Und wer steht heute in Deutschland über dieser Ebene? Wer ist erhaben über die eigene Leidensgeschichte, über die Mißgunst gegen alle, denen es besser geht oder einmal besser gegangen ist? In der ersten Zeit nach 1945 herrschte das Ressentiment der „Antifaschisten“. Sie brachten es mit Unterstützung der Besatzungsmächte fertig, Hitler und, den kleinsten Zwangs-PG im Sammelnamen „Nazi“ zusammenzufassen und den politischen Kampf entsprechend zu führen. Die unselige und bis heute noch nicht wirklich abgeschlossene Entnazifizierung war das Ergebnis, diese Massenaktion, die zahllose Deutsche in ein bürgerliches und politisches Abseits verbannte. Und mit ebenso kollektiven Methoden wurden ehemalige Berufssoldaten zu „Militaristen“ erklärt und beim Weg in die zivile Existenz behindert. Bis heute ist die Frage der Pensionen für sie und ihre Hinterbliebenen noch nicht zufriedenstellend gelöst. Jahrelang haben viele von ihnen in bitterster Not leben müssen, auch wenn ihre Pensionsansprüche auf einer längst vor 1933 abgeschlossenen Dienstzeit beruhten.

Allgemein versäumte man es, die Böcke von den Schafen zu sondern. Was Wunder, daß hierdurch der Keim zu ganz unnatürlichen neuen Solidaritäten gelegt wurde und zu einem bitteren Gegenressentiment. Wenn die „Antifaschisten“ heute feststellen müssen, daß viele Schafe zu den Böcken halten, so haben sie sich das zum erheblichen Teil selber zuzuschreiben. Sünden rächen sich. Wir haben heute ein Gegenressentiment unter den „Nazis“ gegen die „Antifaschisten“ und die Besatzungsmächte, unter den Soldaten gegen die Widerstandskämpfer, unter den Vertriebenen gegen die Einheimischen, unter der jüngeren Generation gegen die ältere. Aus dieser sehr ernsten politischen Gefahr hilft uns kein Staatsanwalt und kein Sicherheitsamt heraus, nichts was irgendwie einem „Gesetz zum Schutz der Republik“ ähneln würde. Die Dinge liegen tiefer. Es ist nicht ohne weiteres bedenklich, daß in Bayern heute 60 v. H. der Beamten frühere Mitglieder der NSDAP sind. Bedenklich ist, daß auch ein so besonnener Mann wie der Hohe Kommissar McCloy von ihnen warnend als von „Nazis“ spricht. Man darf nicht unter einer Glasglocke leben, nicht einmal in einer so künstlichen Hauptstadt wie Bonn. Wissen unsere Politiker dort nicht, daß sie in zehn Jahren von einer Generation abgelöst sein werden, in der heute das Gegenressentiment am stärksten verbreitet ist?

Alle kollektiven Urteile sind falsch. Es hat üble „Antifaschisten“ gegeben und ehrenwerte PGs, sehr wenig lobenswerte Deserteure und sehr wackere Frontoffiziere. Und man kann auch einen Juden unsympathisch finden, ohne dadurch zum Antisemiten zu werden. Die Kollektivbegeisterung für den Widerstand schlechthin hat sich erst kürzlich beim Atomskandal Fuchs bitter gerächt. Natürlich war Fuchs als Kommunist ein Antinazi. Aber sind und waren die echten Kommunisten ungefährlicher als die echten Nazis? Der Irrtum bei der Beantwortung dieser Frage hat außerhalb und innerhalb Deutschlands erhebliches Unheil angerichtet.

Wir müssen endlich versuchen, vom Kollektivurteil und vom Ressentiment loszukommen. Die immer üppiger wuchernde Dolchstoßlegende, deren Gefahr gar nicht hoch genug bewertet werden kann, läßt sich nur aus der Welt schaffen, wenn man sich ernsthaft bemüht, ein zweifaches Ressentiment aufzulösen: das Ressentiment des echten Widerstandskämpfers gegen alle, die nicht mit ihm gemeinsame Sache machten, und das des Normaldeutschen, der in vielen Fällen PG, in noch weit mehr Fällen Soldat war, gegen den Widerstand. Hier haben wir eins unserer ernstesten und folgenschwersten Probleme, denn die Fronten drohen sich zu verhärten. Es ist kein Zufall, daß seit 1945 nur ein Theaterstück das deutsche Volk ernstlich beschäftigt hat: Zuckmayers „Des Teufels General“. Die erbittertsten Diskussionen kreisten hier um die Gestal: „Oderbruchs“, jenes Mannes, der seinen Kampf gegen Hitler und dessen System mittels einer Sabotage .führte, durch die deutsche Soldaten den Tod fanden. Zuckmayer selbst hat sich in einem Gespräch mit jungen Deutschen gegen die Handlungsweise „Oderbruchs“ ausgesprochen. Nun, diese Gestalt ist keineswegs für den ganzen deutschen Widerstand, am wenigsten für den 20. Juli typisch.

Das Problem ist vielschichtig. Man kommt am ehesten an es heran, wenn man es innerhalb der Schicht untersucht, in der sich die Auseinandersetzung meistens abspielt. Dann hat man es zwar nicht in seiner ganzen Tiefe gefaßt, aber wenigstens dort, wo man am ehesten Friedei stiften kann. Dies ist die Schicht des etwa primitiven Für und Gegen, im Sinne des unmittelbaren Stärkens und Schwächens einer Sache. Und nun liegt der wirkliche Konflikt darin, daß Hitler und Deutschland während des Krieges fast untrennbar zusammengespannt waren. Wer etwa als Soldat „für“ Deutschland kämpfen wollte, mußte, bewußt oder unbewußt, die Nebenwirkung in Kauf nehmen, daß etwas „für“ Hitler geschah. Wer statt dessen vor allem etwas „gegen“ Hitler unternehmen wollte, kam kaum daran vorbei, Deutschlands Kriegsaussichten zu verschlechtern. Die Nebenwirkung hatte, gerade wenn sie nicht gewollt war, tragischen, weil ausweglosen Charakter. Und man sollte fair genug sein, den anderen jeweils nach seiner Hauptabsicht und nicht nach der zwangsläufigen Nebenwirkung zu bewerten. Nur eine kleine Minderheit von Deutschen – eben die echten Nazis – hat während des Krieges primär „für“ Hitler, eine noch sehr viel kleinere – die echten Landesverräter – primär „gegen“ Deutschland handeln wollen. Das ressentimentgetrübte Urteil beginnt dort, wo der „für“ Deutschland Eingestellte, aus der Nebenwirkung heraus, als „Nazi“ bezeichnet oder zum mindesten mit dem echten Nazi in einen Topf geworfen, wird. Das ebenso falsche Gegenressentiment äußert sich darin, daß der „gegen“ Hitler Kämpfende, gleichfalls von der Nebenwirkung her, als „Landesverräter“ geschmäht wird. Es sollte nicht schwer fallen, sich darüber zu verständigen, daß die meisten sogenannten „Nazis“ nur von den echten Nazis Betrogene waren und daß sie gerade als Soldaten für dieses Betrogensein teuer genug bezahlt haben. Ein „für“ Deutschland im Kriege war die zu erwartende Haltung der Mehrheit. Es wird und kann Immer nur eine Minderheit sein, die, auch um den Preis einer Niederlage des eigenen Volkes, ein politisches System beseitigen will, und sei dieses noch so verworfen. Kein Widerstandskämpfer hat ein Recht, Vorwürfe daraus abzuleiten, daß es bei dieser Minderheit geblieben ist. Aber ebensowenig darf der Normaldeutsche, zumal wenn er die Dinge aus der Schau von heute beurteilt, dem Mann des Widerstandes die gute und ehrliche Absicht bestreiten. Wir wären um ein gutes Stück weiter, wenn wir es zu dieser wechselseitigen Toleranz brächten. Eine wechselseitige Heldenverehrung dagegen sollte nicht erwartet werden.

Untersucht man die Dinge in ihrer tiefsten Schicht, so waren die Männer des 20. Juli allerdings Helden. In dieser Schicht stimmt auch die Sache mit dem „Für“ und „Gegen“ nicht mehr. Es kann für Deutschland gut gewesen sein, nicht unter Hitler gesiegt zu haben. Und schon in einer Zwischenschicht gilt das Urteil, daß der letzte Krieg für Deutschland immer und jedenfalls im Juli 1944 ungewinnbar war, daß also jeder für Deutschland handelte, der den Krieg abkürzen wollte. Aber von diesen Wahrheiten wird man die Gegner des Widerstandes heute schwerlich überzeugen können. Eher kann man ihnen klarmachen, daß die Männer des 20. Juli mit „Oderbruch“ unvergleichbar sind, weil sie ja nicht eine langsam wirkende Sabotage, sondern den unmittelbaren Sturz Hitlers wollten. Und schließlich ist der 20. Juli schon deshalb kein Dolchstoß, weil er gar nicht gelang und also am Kriegsausgang nichts geändert hat.

Der sogenannte deutsche Nationalismus ist in Wahrheit hauptsächlich ein Ressentiment, sogar ein Gegenressentiment. Auf diesen Tatbestand darf man nicht mit Keulen einschlagen wollen. Man muß ihn auflösen, und zwar müssen jene damit beginnen, die mit dem Ressentiment begonnen haben. Nur so kann den wenigen echten und unbelehrbaren Nazis und Nationalisten das Handwerk wirklich gelegt werden, das darin besteht, ein Ressentiment demagogisch zu mißbrauchen. Es wäre gut, einmal eine Bundestagsdebatte zu erleben, die sich, frei von Selbstgerechtigkeit, nur mit den Torheiten der seit 1945 herrschenden Männer beschäftigte. Mit Zorn und Eifer ist es nicht getan. Ernst Friedlaender