H. M. W. Wien, Februar 1950

Seit zwei Monaten mehren sich die beunruhi-– senden Ereignisse im russisch besetzten Teil der Alpen-Republik: Entführungen, Verhaftungen, Forderungen – ein monotones Lied! Die Atmosphäre wurde so gespannt, nachdem es den Amerikanern gelang, La ihrem Sektor einige Handlanger der Russen dingfest zu machen. Querverbindungen von den Zentren für Schmuggel und Menschenraub zu den USIWA-Betrieben, die die Russen aus dem früheren deutschen Besitz übernommen haben und jetzt selber betreiben wurden aufgedeckt. Die Abwehrdienste überschneiden sich, zahlreiche Verbrechen bleiben ungeklärt und immer deutlicher zeichnen sich die Konturen einer exterritorialen Unterwelt ab.

Die Sowjets antworteten auf die amerikanischen Enthüllungen mit einem merklichen Anziehen der Zügel. Offiziell forderten sie die Auslieferung eines hohen österreichischen Beamten, was jedoch am Ballhausplatz abgelehnt wurde. Inoffiziell üben sie ferner Druck auf den Innenminister aus, der eine bestimmte Anzahl „demokratischer“ – spricht kommunistischer – Männer in den Sicherheitsdienst aufnehmen soll. Die Österreicher aber spielen jenes hinhaltende, persönlich nicht ungefährliche Spiel, das sie meisterhaft beherrschen.

Bei all dem bleibt die Bevölkerung erstaunlich ruhig, beinahe gleichgültig. Die Mehrzahl derer, die zeitweise im Westen ein Refugium gesucht hatten, sind in die Sowjetzone zurückgekehrt, wo ja bislang keinerlei Anstalten einer Kollektivierung festzustellen sind. Allerdings ist die persönliche Freiheit und Sicherheit nicht garantiert, doch gibt es eine gewisse Erfahrung, auf die man sich im allgemeinen verlassen kann. Es hat sich nämlich gezeigt, daß man nichts zu fürchten hat, wenn man nicht einem bestimmten Personenkreis angehört und wenn man gewisse Dinge unterläßt. Es haben sich also, genau wie im Dritten Reich, Grenzlinien gebildet. Das Dossier, das der Beamte des Innenministeriums Marek über nahezu 300 Entführungen angelegt hatte, gibt genaue Auskunft über diese Grenzlinien. Da Marek allerdings noch während seiner Tätigkeit selbst ein Entführungsfall wurde, blieb seine Arbeit unvollendet. Man kann sich daraus aber doch ein Bild machen: Ironischerweise gehören gerade die Überängstlichen zu den Gefährdeten. Es hat sich nämlich gezeigt, daß es keinesfalls empfehlenswert ist, sich mit russischen Offizieren in private oder geschäftliche Beziehungen einzulassen, selbst wenn dies für den Augenblick eine Rückendeckung sein mag. Die sogenannten „R-Geschäfte“ sind zwar lukrativ, aber nie ungefährlich. Strauchelt ein Sowjets offizier oder kommt er in den Verdacht, westlich infiziert zu sein, so sind alle, die mit ihm zu tun hatten, bedroht.

Ein zweiter Kreis Gefährdeter sind die Männer mit Spezialkenntnissen, vor allem wenn sich diese auf Rußland oder die Satellitenstaaten erstrecken: Eisenbahnfachleute, die während des Krieges in der Ukraine waren, oder Erdölexperten, die in Rumänien und Polen gearbeitet haben. Wenn solche Fachleute noch dazu jemals Sowjetbürger waren, so sind sie auch in den amerikanisch und französisch besetzten Bundesländern, wohin sie gewöhnlich, geflüchtet sind, nicht sicher. Aus Tirol, Salzburg und Oberösterreich sind bereits weit über 1000 Personen verschwunden. Flüchtlinge aus den volksdemokratischen Ländern müssen sowieso und grundsätzlich auf Verlangen der Sowjets ausgeliefert werden. So mußten, vor kurzem die letzten überlebenden eines Flüchtlingstrupps, eine siebzehnjährige Gräfin und ein junger Student, die beim Überschreiten der Grenze in ein ungarisches Minenfeld geraten waren, beide in Spitalskleidern mit noch unverheilten Wunden, an der Grenze den ungarischen Geheimpolizisten übergeben werden.

Die Minister sind oft nicht in der Lage, ihre nächsten Mitarbeiter zu schützen. Es ist gerade ein Jahr her, seitdem der einzige weibliche (noch dazu hübsche) Sektionschef der Republik verschwunden ist. Einige wollten, die Verhaftete noch im russischen Hauptquartier zu Baden, andere in Ungarn gesehen haben ... Niemand weiß etwas Genaues. Merkwürdigerweise haben aber die Russen zugesehen, wie Polizei und Gendarmerie zu absolut verläßlichen Formationen der Regierung ausgebaut wurden. Erst jetzt scheint man diese Entwicklung russischerseits wieder anfechten zu wollen. – ein Mangel an Folgerichtigkeit, der darauf schließen läßt, daß man selbst in Moskau nicht wußte, wie lange man die Truppen in Österreich lassen würde.

Das Bild rundet sich ab, wenn man die Kreise erwähnt, die bisher, wider Erwarten, völlig ungeschoren blieben: Politiker, Journalisten, Intellektuelle und Geistliche. Also genau diejenigen, die die ersten Opfer der Volksdemokratien waren. Auf das katholisch-kommunistische Zwiegespräch wird noch immer Wert gelegt. Ja, Stadtrat Metejka in Wien, der Vorsitzende der Österreich-Sowjetischen Gesellschaft und andere Mitglieder der KPÖ lieben es – wie einst Franz von Papen – ostentativ, die katholische Linie zu pflegen, Österreich ist für die Sowjets ein Sonderfall.