R. K. N., Paris, Mitte Februar

Als Monnet vor einiger Zeit von einer französischen Zeitung über die Erfolge der Aufbauarbeit befragt wurde, konnte er mit Genugtuung darauf hinweisen, daß Frankreich vier Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges den Standard des Jahres 1929, des elften Jahres nach dem ersten Weltkriege, erreicht habe, Und auf die weitere Frage, ob nicht der ursprüngliche Monnet-Plan der Industrialisierung des Landes so sehr verändert sei, daß man heute im Hinblick auf die Bedeutung, die von der Regierung dem Ausbau der Landwirtschaft beigelegt wird, von einer gänzlich verschiedenen Planung sprechen müsse, erwiderte er: „Es gibt nur einen Plan. Seine einzige bedeutende Änderung betrifft die Landwirtschaft. Das ursprüngliche Ziel war hier die Selbstversorgung, aber es hat sich als möglich und notwendig erwiesen, nennenswert zu exportieren. Diese Exporte werden einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich der Zahlungsbilanz leisten und die Landwirtschaft von Absatzsorgen befreien. Nur eine exportierende Landwirtschaft ist moderne Landwirtschaft, und ohne noderne Landwirtschaft gibt es kein modernes Frankreich. Im Zuge der Modernisierung müssen Landwirtschaft und Industrie gemeinsam marschieren.“

Es wäre müßig, darüber zu diskutieren, ob die derzeitige Forcierung der französischen Landwirtschaft noch dem entspricht, was die Welt als den Monnet-Plan der „totalen Industrialisierung“ Frankreichs in Erinnerung hat, oder ob neben diesen ein eigener Landwirtschaftsplan getreten sei, wie ihn Paul Reynaud verfochten hat. Jedenfalls ist die Umwandlung Frankreichs von einem agrarischen Zuschußgebiet? der Vorkriegszeit in ein Exportgebiet von ständig wachsender Bedeutung einer der erstaunlichsten Umgliederungsprozesse der Nachkriegszeit.

Einige Zahlen mögen die gegenwärtige Anbauschlacht in Frankreich zeigen. Der Reisanbau allein in der Camargue ist von 400 ha 1939 auf über 8000 ha im Vorjahr gestiegen. Das Bulletin Statistique General zeigt, daß der Anbau der Ölfrüchte von 11 400 ha 1938 auf 116 000 ha 1949 gestiegen, ist. Das Landwirtschaftsministerium schätzt, daß die Anbaufläche von Getreide, die 1938 zwar 8,57 Mill. ha betrug, aber nur einen Durchschnittsertrag von 15,4 Zentner je ha hatte, im Vorjahr mit 8,16 Mill. nur etwa 5 v. H. unter der Vorkriegsziffer blieb, aber mit 16,5 Zentner Durchschnittsertrag eine um 7 v. H. erhöhte Produktivität erreichte. Hinzu kommt, daß innerhalb der Getreideerzeugung der Weizenanbau mit 4,2 Mill. ha gegenüber der Vorkriegszeit bedeutend zugenommen hat. Der Erfolg dieser Anbauschlacht spiegelt sich nicht nur in dem Sinken des Importindex für Lebensmittel von 84 im Jahre 1948 auf 78 im Vorjahr; vor allem ist er in dem noch wesentlich größeren Steigen des Exportindex von 102 auf 139 für landwirtschaftliche Ausfuhrgeschäfte erkennbar.

Schon als sich Frankreich an der Weltweizenkonferenz vom 23. März 1949 mit 900 000 Zentner als Exportland angemeldet hat, war man verblüfft, da dieses gleiche Land noch Anfang 1948 einen Importbedarf von 9,75 Mill. Zentner angegeben hatte. Man nahm daher den Anbauplan, der für 1952 einen Ertrag von 100 Mill. Zentner Weizen, und eine Exportquote von 15 Mill. vorsieht, nicht allzu ernst. Und als vor einiger Zeit Frankreich von Italien 70 000 t Weizen und von Holland 28 000 t gegen Rückgabe in natura entlehnen mußte, um einen Engpaß zu überwinden, schien das wieder ein Beweis mehr, daß der Ehrgeiz der Regierung. Frankreich zum Weizenexporteur zu machen, unerfüllbar sei. Dennoch aber zeigen die letzten Statistiken, daß Frankreich seine Importe, an Brotgetreide von rund einer Mill. t im Jahre 1948 auf 80 000 im Vorjahre senken und seine Exporte von null auf 292 000 t (vor allem nach Algier, Marokko, Libanon und England) erhöhen konnte.

Zwei Voraussetzungen einer intensivierten Agrarproduktion haben sich in Frankreich in den letzten Jahren erfüllt. Zum ersten sind der gefährliche Geburtenrückgang und die anhaltende Landflucht, die in der Vorkriegszeit ganze Distrikte veröden ließen, gebremst. Die Bevölkerung, von der rund 41 v. H. Landbewohner sind, hat sich in den letzten drei Jahren um 982 000 vermehrt. Auch die zweite Voraussetzung einer exportorientierten Landwirtschaft ist heute weitgehend erfüllt: die Mechanisierung. Der Siegeszug des Traktors durch, das französische Dorf – es sind heute mehr als 100 000 in Betrieb – hat der Produktion noch größeren Auftrieb gegeben, als die wachsende Landarbeiterzahl, so daß die beiden Produktionsfaktoren Boden und Arbeit heute in fast genügendem Maße vorhanden sind.

Daher setzt auch das französische Longterm-Programm eine seiner größten Hoffnungen auf die Landwirtschaft.