In dem an die Marshall-Plan-Verwaltung gerichteten Memorandum des ERP-Ministeriums findet sich die Angabe, daß eine Arbeitslosenzahl von rund 1,8 Mill. auf Jahre hinaus unvermeidlich sei, weil man der Entwicklung so gut wie machtlos gegenüberstehe. Würden nämlich größere Betrage für den Wohnungsbau und für andere Arbeiten bereitgestellt, so gefährde dies die Stabilität der Preise, weil dann mehr Rohstoffe und Lebensmittel eingeführt werden müßten, weil die Mehrbeschäftigten also dann mehr Kleidung und Nahrung kaufen würden. Für diese Einfuhren aber fehlten die Devisen, so heißt es.

Aber die These, daß fast zwei Mill. Menschen auf die Arbeitslosenunterstützung (im Höchstfall 24 DM, für Verheiratete 28,80 DM und für jedes Kind 2,40 DM mehr in der Woche) angewiesen seien, weil nur bei einer solchen „Konsumbremse“ Rohstoff- und Lebensmittelimporte hinreichen würden, ist unhaltbar. Man darf annehmen, daß diese Theorie entwickelt worden ist, um möglichst nachdrücklich auf die Notstände hinzuweisen, die unsere Volkswirtschaft bedrohen, und um zu unterstreichen, wie notwendig es ist, sie mit ERP-Mitteln möglichst wirksam abzuwehren.

Hier sei an dem im Memorandum besonders hervorgehobenen Beispiel der Textilien untersucht, ob die These, ein normaler Konsum lasse sich aus Mangel an Devisen für Rohstoffimporte nicht befriedigen, stichhaltig ist. Man könnte dies annehmen, wenn man die eben bekanntgewordenen Zahlen des Textilaußenhandels für 1949 betrachtet. Danach hat die Ausfuhr von Spinnstoffwaren einen Erlös von nur rd. 92 Mill. $ ergeben. Die Ausfuhr beträgt damit fast genau ein Viertel der im Planjahr 1949/50 erfolgten, und vorgesehenen Einfuhren, während die gesamte Industrie (1949) immerhin mit den Exporterlösen die Hälfte der Importe decken konnte. Aber es wäre falsch, die für den Konsum zur Verfügung stehende Textilerzeugung nur nach diesen Zahlen zu beurteilen. Zunächst wird sie ergänzt durch die Kunstfaser Produktion, die mit rd. 135 000 t jährlich etwa ein Drittel der gesamten Spinnstofferzeugung ausmachen dürfte und nur in verschwindendem Umfang – für die zusätzliche Einfuhr von Holz, Zellstoff und Linters – Devisen erfordert. Die Befürchtung, eine gesteigerte Verwendung von Kunstseide und Zellwolle (von den in der Entwicklung begriffenen vollsynthetischen Fasern ganz abgesehen) könnte zu einer Qualitätsverschlechterung führen, ist nicht mehr angebracht. Wir sehen schon an dem überzeugenden Vormarsch der Kunstfaser in einem so rohstoffreichen Land wie den USA, daß sich die Kunstfaser zu einem Textilstoff eigener Prägung entwickelt hat, dem nichts von dem Odium des „Ersatzes“ anhaftet, mit dem er bei uns infolge des mit ihm in Kriegs- und Notzeiten getriebenen Mißbrauchs belastet war. Die Marktwirtschaft weist der Kunstfaser automatisch den rechten Weg und gestattet ihr Erfolge nur dort, wo sie durch ihre Leistung bestehen kann. Es besteht kein Zweifel, daß sich dieses Gebiet ständig erweitert und daß eine weitere Steigerung der Kunstfaserverwendung eine weit bessere Textilversorgung ergeben würde. Rechnet man, daß bei zwei Mill. Erwerbslosen etwa vier Mill. Menschen weniger ihren Textilbedarf decken können als sonst und veranschlagt man den Bedarf je Kopf auf 10 kg jährlich (ohne den technischen Textilbedarf zu berücksichtigen), so ergibt das einen Unterschied von 40 300 t oder etwa 10 v. H. der Gesamterzeugung an Spinnstoffwaren (400 000 t). Dieser-Unterschied könnte wahrscheinlich schon heute durch stärkeren Einsatz der Kunstfaser ausgeglichen werden.

Ist aber der Gedanke, durch eine Drosselung des Inlandkonsums an Textilien eine Verbesserung der Außenhandelsbilanz zu erreichen, überhaupt richtig? Muß nicht dieser Ausgleich umgekehrt, nämlich durch eine Steigerung des Exports herbeigeführt werden? Diese ist freilich nur möglich, wenn die textilen Rohstoffimporte endlich von den Beschränkungen befreit werden, die so ungünstig auf den Spinnstoffwarenexport zurückwirken. Solange wir gehalten sind, zu gewissen Prozentsätzen low grades (gröbere Wollen und kurzstapelige Baumwollen) anzuschaffen, und solange Importeure und Spinner nicht in der Lage sind, ebenso preiswert einzukaufen wie ihre Konkurrenten in anderen Ländern, weil man ihnen die Ausnutzung günstiger Marktchancen unmöglich macht, hat die westdeutsche Textilindustrie geringe Aussichten, den an sich schon scharfen Wettbewerb mit Spinnstoffwaren aus anderen Ländern zu bestehen. Die Stärke unserer Textilindustrie war immer die Erzeugung ausgesprochener Qualitätsware und gut eingeführter Spezialitäten und es liegen viele Anzeichen dafür vor, daß sie mit einer solchen Produktion auch heute wieder konkurrenzfähig ist. Die Textilbetriebe haben bis in die letzte Zeit hinein fortgesetzt Arbeitskräfte aufgenommen und beschäftigen heute (Textil- und Bekleidungsindustrie zusammengerechnet) 625 000 Menschen – mehr als jeder andere Industriezweig. Die Textilindustrie kann bei einer Steigerung der Ausfuhr noch mehr Kräfte an sich ziehen. Und sie kann zweifellos die gesamte Bevölkerung versorgen, wenn sie im Rohstoffbezug frei wird, und zwar ohne die Devisenbilanz zusätzlich zu belasten. Stärkere Verwendung der Kunstfaser und Steigerung der Ausfuhr werden sie dazu befähigen. Die mit den Grundsätzen der Marktwirtschaft unvereinbare These, man müsse, zur Einsparung von Rohstoff-Importen, den Verbrauch drosseln und könne deshalb die „Reservearmee“ von 1,78 Mill. Arbeitslosen nicht beseitigen, ist also unhaltbar. m.