Das deutsche Volk mästet sich, so heißt es, mit dänischem Speck und holländischen Austern, während Landwirtschaft und Industrie, von Importen bedroht, dem Ruin entgegengehen und die Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag steigt. Was ist allein schuld: die „Liberalisierung“ des Außenhandels. Darüber scheinen sich alle Kritiker unserer Handelspolitik einig zu sein ...

Man schämt sich fast, die Binsenwahrheiten zu wiederholen: daß Deutschland sich nicht ernähren kann, sondern auf Einfuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen angewiesen ist; daß wir auf die Dauer nichts geschenkt bekommen werden, sondern unsere Einfuhr mit Ausfuhr bezahlen müssen; daß uns heute deshalb zweierlei obliegt: unsere wirtschaftliche Struktur auf Export umzustellen, um schon jetzt auf den fremden Märkten Fuß zu fassen; daß sich schließlich fast die ganze Welt gegen Importe sperrt, und daß ein Staat, dem militärische, politische, ökonomische Machtmittel nicht zu Gebote stehen, nun einmal darauf angewiesen ist, an die Vernunft zu appellieren und seinerseits den ersten Schritt zu tun.

Die Praxis hat, wie kaum anders zu erwarten war, ergeben, daß unsere Handelspartner selbst auf diesen „ersten Schritt“ vorsichtig und gemachlich reagieren. Sie nehmen alle Vorteile eines Handelsabkommens für sich in Anspruch, ehe sie die Konsequenzen zu unseren Gunsten ziehen. Betrachten wir als Beispiel den Warenverkehr mit den Niederlanden: Zunächst haben wir uns durch freizügige Einfuhr stark verschuldet. Damit haben wir unserem Handelspartner die Möglichkeit gegeben und den Zwang auferlegt seine Bezüge aus Deutschland in demselben Maß zu steigern. Die deutsche Maschinenindustrie hatte in den ersten zehn Monaten 1949 nach Holland monatlich im Werte von 2,2 Mill. DM geliefert. Am 7. September wurde das liberalisierte Handelsabkommen geschlossen. Im September und Oktober haben wir „vorgeleistet“. Im November stieg unsere Maschinenausfuhr auf 5,5 Mill.

D-Mark. Ebenso steht es mit Dänemark: der durchschnittliche Maschinenexport der ersten zehn Monate betrug 480 000 DM. Auf Grund des neuen Handelsabkommens kauften wir reichlich Butter und Eier. Im November stieg unser Maschinenexport auf 844 000 DM. Dasselbe gilt für die anderen deutschen Exportindustrien und für den Handel mit Norwegen Und anderen Ländern, mit denen der Warenaustausch „liberalisiert“ wurde; Das Aufholen der Ausfuhr braucht Zeit, aber es tritt zwangsläufig ein.

Daß die Wochen der Vorleistung unsere Zahlungsbilanz belasten, ist nicht zu bestreiten. In dem vierten Quartal 1949 haben wir aus den Niederlanden im Werte von 57 Mill. $ importiert, aber nur für 23 Mill. $ exportiert. Durch gleichzeitige „Vorleistung“ gegenüber mehreren Partnern haben sich die Passivsaldi kumuliert. Unser Einfuhrüberschuß stieg von 254 Mill. $ im Durchschnitt der ersten drei Vierteljahre 1949 auf 351,5 Mill. $ im vierten Quartal. Aus einem Dollarguthaben würde im Handumdrehen eine Dollarschuld. Wir werden für dieses Anlaufstadium der Hilfe bedürfen. Aber es wäre falsch, da unsere Ausfuhr von Tag zu Tag mehr aufholt, aus der einmaligen Vorleistungssituation des Herbstes 1949 negative Schlüsse auf die weitere Entwicklung zu ziehen,

Die deutsche Wirtschaft heute dem scharfen Wind des internationalen Wettbewerbs auszusetzen, ist ohne Zweifel, um mit Minister Niklas zu reden, eine Roßkur. Wenn sich das deutsche Huhn von dem dänischen Ei auch nicht gerade In den Topf treiben lassen wird, so gibt es doch Bereiche der Landwirtschaft und der Industrie, die von Importen in ihrer Existenz erschüttert werden. Hier und da wird man den Stoß verzögern oder mildern können. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß uns für die Umstellung unserer wirtschaftlichen Struktur nur wenige Jahre zur Verfügung stehen, und daß zu weit gehende Rücksicht auf letzten Endes doch nicht wettbewerbsfähige Wirtschaftszweige später als Fehlinvestition erscheinen wird.

Und wie steht es mit dem uns vom Ausland vorgeworfenen Luxus? In welchem Maße wir die Einfuhr von Austern fortsetzen werden, hängt wohl von der kommenden Steuerreform ab. Denn die Schalentiere, mit denen Holland einen bescheidenen Teil unserer Ausfuhr aufwiegt, sind oft vom Finanzamt bezahlt worden – ein umständlich-delikater Weg staatlicher Exportfinanzierung, Wir brauchen wohl Konsumverzicht! aber dazu bedarf es eines Anreizes zum Sparen.

Onno Oncken