Die Bach-Kantaten des Thomanerchors werden nun doch allsonntäglich auch in den südlicheren Ländern der Bundesrepublik zu hören sein. Mit fünfzehn gegen elf Stimmen hat der Beirat des Süddeutschen Rundfunks beschlossen, sie aus Leipzig zu übernehmen. Das knappe Ergebnis zeigt: es hätte leicht anders kommen können. Eine starke Minorität war der Ansicht, man dürfe die propagandistischen Ziele des ostzonalen Senders nicht unterstützen; denn dieser verbreite die Kantaten nicht Bachs wegen, sondern zum höheren Ruhme der „Kultura“ jenseits des Eisernen Vorhangs.

Das Argument ist in der Tat erwägenswert, und es ist besser als ein Gegenargument, das man oft zu hören bekommt: Kunst habe nichts mit Politik zu tun, und Bach müsse daher aus dem Streit zwischen West und Ost herausgehalten werden. Denn wer so urteilt, ist schon auf die Propaganda der „nationalen Front“ hereingefallen. Diese wendet sich ja gerade an die Harmlosen, die nicht merken, daß Kunst in totalitären Systemen eine Blendfassade ist. Dem Ostzonenregime liegt nichts an Bach, aber alles daran, daß man meint, ihm läge an Bach.

Bach-Feiern sind also ein politisches Problem und müssen als solches gesehen werden. Aber dem Argument der Minderheit ist entgegenzuhalten, daß die Bevölkerung der Ostzone nicht solidarisch für das Regime, dem es unterworfen ist, haftbar gemacht werden darf. Der Boykott der Leipziger Bach-Kantaten würde die Thomaner treffen, nicht das Regime; diesem würde er vielmehr einen neuen Anlaß zur „nationalen“ Propaganda geben („Da seht ihr, wie die Spalter euch im Stich lassen!“). „Der Thomanerchor ist nicht die SED“, hat Oberbürgermeister Klett bei jener Beratung gesagt, und die Mehrheit ist ihm gefolgt. Eine Irredenta mit der Fremdherrschaft zu identifizieren, von der man sie befreien möchte, ist ein politischer Denkfehler, der leicht der Kunst schaden kann. C. E. L.