Als exportorientierte Industrie hat die deutsche Elektroindustrie die Konzeption der Liberalisierung der Außenwirtschaft von vornherein im Grundsatz bejaht – bildet diese doch den Auftakt zur Aufgabe des bisher in bürokratischen Fesseln befangenen Außenhandelsverfahrens und eröffnet sie dem Unternehmer die Möglichkeit zur Entfaltung freierer Initiative hinsichtlich des Absatzes seiner Erzeugnisse außerhalb der Landesgrenzen. Die Elektroindustrie ist sich darüber hinaus auch der verantwortungsvollen Aufgabe bewußt, die durch den Fortfall der östlichen Agrargebiete einerseits und der unsichtbaren Exporte andererseits entstandene Lücke in der Devisenbilanz zu ihrem Teil mit auszufüllen.

Die Elektroindustrie hat seinerzeit der Verwaltung für Wirtschaft weitgehende Vorschläge für eine Liberalisierung auf ihrem Erzeugungsgebiet unterbreitet, die ihren Niederschlag in dem der OEEC zugeleiteten deutschen Vorschlag gefunden haben. Abgesehen hiervon, hat der Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie auch praktisch sich für die Durchführung dieser Grundauffassung eingesetzt, sei es in der Beratung der Verwaltung für Wirtschaft bei der Abfassung der Handelsverträge, sei es in persönlichen Verhandlungen von Industrie zu Industrie. Die Vorbereitung des deutsch – französischen Handelsvertrages gab ihr hierzu die erste Gelegenheit. Nach intensiven Verhandlungen mit den Vertretern der französischen Elektroindustrie gelang es, im Einvernehmen mit den beiderseitigen Handelsvertragsdelegationen eine gemeinsame Abmachung von Industrie zu Industrie zu treffen, welche unserem Industriezweig befriedigende Möglichkeiten für eine Belieferung des französischen Absatzmarktes eröffnet. Es wäre hier zu wünschen, daß den Industriegruppen auch fernerhin gelegentlich der Handelsvertragsverhandlungen solche Möglichkeiten der freien Mitwirkung eingeräumt würden.

Die Liberalisierung hat naturgemäß auf dem Gebiet der Elektroindustrie zu einer Forcierung des Importes geführt. Dieses auch sonst nicht unbekannte Phänomen wird hier jedoch vorübergehenden Charakter tragen. Es läßt sich freilich nicht verkennen, daß, wenn der Zweck eines freieren Warenaustausches wirksam erreicht werden soll, noch eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein müssen, wie zum Beispiel freie Niederlassungs- und Vertretungsmöglichkeiten, freie Konvertierbarkeit der Währungen, Einrichtung deutscher staatlicher Wirtschaftsvertretungen, Milderung der die Forschung und Entwicklung noch einschränkenden Bestimmungen und Anpassung der ausländischen Zollsätze. Nach den Erfahrungen der letzten Wochen hat es zwar den Anschein, daß eine Reihe dieser unseren Export noch hemmenden oder gar diskriminierenden Maßnahmen abgebaut werden und entsprechende Wünsche unsererseits erfüllt werden. Es läßt sich jedoch andererseits nicht leugnen, daß in der Frage der Erteilung von Importlizenzen oder der Erhöhung von Zollsätzen (zum Beispiel Italien) noch manches im Argen liegt. Es zeugt von dem ernsten Bestreben unserer – Industrie nach einer freieren Ausgestaltung des Warenaustausches, wenn sie in der heutigen Lage auf diesem Gebiet erhebliche Vorleistungen erbringt.

Auf dieser grundsätzlichen handelspolitischen Linie vertritt die Elektroindustrie speziell im Rahmen der Vorschläge für den neuen deutschen Zolltarif die Auffassung, Zollsätze auf ihrem Gebiet nur in einem solchen Maße in Vorschlag zu bringen, welches einen angemessenen Warenaustausch gewährleistet. Während in manchen ausländischen Zolltarifen noch Sätze von 35 bis 60 v. H. in Aussicht genommen sind, deren Abbau mit allen Mitteln angestrebt werden muß, bewegen sich die Vorschläge des Zentralverbandes der Elektrotechnischen Industrie in der Größenordnung von etwa 5 bis 15 v. H., also einem Rahmen, der der Grundkonzeption der OEEC-Vorschläge entspricht. Soweit einige Fertigungsgebiete der Elektroindustrie infolge von Zerstörung oder Demontage erhebliche Kapazitätseinbußen in Berlin oder der Sowjetzone erlitten haben, sind zeitlich begrenzte Erziehungszölle in Aussicht genommen, um die aus den Arbeitsbedingungen der inneren Wirtschaft resultierenden Momente zu eskomptieren.

Im ganzen gesehen darf festgestellt werden, daß die deutsche Elektroindustrie als exportorienterter Industriezweig handels- und zollpolitische Konzeptionen vertritt, die zwar hohe Anforderungen an die exportierenden Werke stellen, aber andererseits einen Beitrag leisten zu einem weniger gehinderten vielseitigen Handelsaustausch mit den übrigen Partnern des Welt-Elektro-Exportes.

Der eigentliche Export der Elektroindustrie in den Jahren nach dem Umbruch war zunächst bescheiden. Er betrug:

1948 31 Mill. RM/DM 1. Halbj. 1948 8,880 Mill. RM/DM