Von Wolf Schirrmacher

Eine wirklich bedrohliche Gefahr, der die Jugend in Amerika durch eine besondere Art von ausdrücklich zu ihrem Gebrauch bestimmter Literatur ausgesetzt ist, sind die bebilderten „Abenteuerbücher“. Daß solche „Jugendschriften“, wie in anderen Ländern, auch bei uns bereits um sich greifen, gibt immerhin zu ernsthaften Bedenken Anlaß.

In Springfield, Illinois, holten sich zwei Brüder im Alter von elf und dreizehn Jahren den Revolver aus Vaters Schreibtisch, zogen auf die Landstraße und versuchten, mit Taschentüchern maskiert, ein Auto anzuhalten. Als der Fahrer nicht stoppte, wurde er unter Feuer genommen und so schwer getroffen, daß er auf dem Wege ins Krankenhaus starb. Die Schüler erklärten vor dem Jugendgericht, die Idee zu diesem Überfall sei ihnen bei der Lektüre von crime-comics gekommen. Sie hatten jede Woche etwa 30 dieser „Verbrechergeschichten in Bildern“ gelesen.

Der Comic-Mord von Springfield ist kein Einzelfall. In den USA ist die Jugendkriminalität seit dem Auftauchen der Gangster-Bildstreifen um ein Drittel gestiegen. In Kanada und England zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. In London, wo die Zeitungsstände von den neuartigen Kindermagazinen überschwemmt sind, nahmen die von Elf- und Zwölfjährigen verübten Diebstähle und Einbrüche im letzten Jahr um 40 v. H. zu. In Amerika erscheinen alle vier Wochen 300 bis 400 neue Abenteuerhefte und werden in einer Gesamtauflage von monatlich 80 Millionen Stück abgesetzt – das ist ein Drittel des gesamten US-Zeitschriftenverkaufs. Bei Schülerumfragen ergab sich, daß die Comics von 95 v. H. aller Kinder zwischen 7 und 17 Jahren verschlungen werden.

Wovon handeln die crime-comics? In den Superman-Serien stößt ein muskelgeschwellter Held mit Sturzhelm in Raketen und phantastischen U-Booten in den Weltenraum und in die Tiefsee vor und erlebt dabei die unangenehmsten Überraschungen mit allerlei Verbrechern und Untermenschen. Ihn begleitet ein Detektiv-Mädchen, das stets als pin-up-girl mit Netzstrümpfen und langen schwarzen Handschuhen herumläuft. Die Gangster gehen meist sehr unsanft mit ihr um. Verglichen mit dem, was sie gefesselt und geknebelt am Marterpfahl auszustehen hat, ist Karl May mit seiner Phantasie ein Waisenknabe. Millionen Kinder wachsen unter dem Einfluß solcher Szenen auf. In Connecticut mußte ein Mädchen „Supermans Freundin“ spielen und wurde dabei von einem Rudel Halbwüchsiger auf einen Scheiterhaufen gebunden. Es erlitt so schwere Brandwunden, daß ihm beide Beine abgenommen werden mußten.

Die Verherrlichung von Gewalttätigkeiten und Schlägereien hat in amerikanischen Romanen und Filmen schon immer eine große Rolle gespielt. Aber noch nie hat man sie so unverhüllt und bedenkenlos den Kindern serviert. Noch gefährlicher als die Kriminal-Magazine wirken manche Sendungen des Fernseh-Programms, das meist vor den Augen der ganzen Familie abläuft. Aus Los Angeles liegen Angaben vor, die von empörten Eltern gemacht wurden: in einer einzigen Woche zeigten die verschiedenen kalifornischen Stationen im Rahmen ihrer Television-Stories 91 Morde, 7 Überfälle, 3 Kindesentführungen, 10 Diebstähle, 4 Einbrüche, 2 Brandstiftungen, 2 Selbstmorde und eine Eplosionskatastrophe mit 20 Toten. „Psychologische Reißer“ brachten Szenen, in denen Neger gelyncht wurden, Vampire Schlafenden das Blut aussaugten und ein Irrenarzt Experimente mit seinen Patienten machte.

Diese Spekulation auf die Sensationslust des Publikums hat im ganzen Lande heftige Proteste hervorgerufen. Lehrer, Geistliche und Elternbünde forderten die Einführung einer Zensur, doch bisher ist nichts erreicht worden. Das kanadische Parlament verbannte die crime-comics wegen ihrer unheilvollen Wirkung auf die Jugend von den Kiosken, aber die Verleger kamen sehr schnell wieder auf die alten Verkaufsziffern, indem sie sich mit Titeln wie „Ich war die Geliebte eines Zigeuners“ oder „Evelyn macht dem Direktor einen Skandal“ auf erotischen Kitsch umstellten. In England, wo dieses Problem die Öffentlichkeit stark beschäftigt, erklärte ein Pfarrer: „Das Grauen kriecht in die englische Kinderstube“, und Prinzessin Elizabeth warnte: „Die Verrohung der Jugendlichen greift erschreckend um sich, und die Erwachsenen haben eine seltsame Angst, als Pedanten verschrien zu werden, wenn sie darauf hinweisen.“

Dagegen machte sich ein angesehener Psychologe, Dr. Lawrence Averill, zum Fürsprecher der Verleger. Er hatte 3000 Schülern in Massachusetts die Frage gestellt, was ihnen an den comics so gefalle. Ein Drittel gab an, es seien „die unüberwindlichen Kräfte der Helden und Heldinnen“. Hierzu bemerkt Averill, die Welt, in der die Kinder heute aufwüchsen, sei von vielen Gefahren bedroht. In diesem „psychologischen Klima der Unsicherheit“ falle den Wunderbücher-Helden die „wichtige, stellvertretende Aufgabe zu, den Kindern das Gefühl von Sicherheit und Zuverlässigkeit zu geben“. Nur sieben v. H. der Befragten sei an den Verbredier-Stories und nur sechs v. H. der Befragten an den Liebesgeschichten interessiert gewesen. „Das Gespenstische und Sensationelle“, schreibt Averill, „hat die Kinder immer angezogen. Die Bilderserien kann man für die Verbrechen von Jugendlichen nicht verantwortlich machen. Vielmehr sehe ich die einzige Gefahr darin, daß das ständige Studium dieser Abenteuer die Kinder passiv macht und körperlich zu kurz kommen läßt.“