Alle waren sie enttäuscht im Westen, als nach den langwierigen Verhandlungen in Moskau der Wortlaut des Vertrages zwischen Moskau und Peking veröffentlicht wurde: diejenigen, die in Mao Tse-tung einen potentiellen Tito zu sehen glaubten, ebenso wie der amerikanische Außenminister, der China das Schicksal der europäischen Satellitenstaaten prophezeit hatte. Zornig behauptete die amerikanische Presse, der Führer des kommunistischen Chinas habe sein Land für die lächerliche Summe von 300 Millionen Dollar an den Kreml verkauft. Der außenpolitische Kommentator der BBC meinte, angesichts der Tatsache, daß die Konferenz von Jalta nur sieben Tage gedauert habe, sei das Ergebnis der zwei Monate währenden Beratungen von Moskau recht kläglich – wozu man nur sagen kann, daß es sicher besser gewesen wäre, wenn man sich in Jalta ebenfalls zwei Monate Zeit genommen hätte.

Viel wird über ein mutmaßliches Geheimabkommen spekuliert. Es ist aber im Grunde viel interessanter, sich an den Wortlaut des offiziellen Vertrages zu halten. Man muß dann nämlich feststellen, daß der Diktator des Kreml zum erstenmal einen ebenbürtigen Partner gefunden hat. Das, worum es in erster Linie bei diesen zweimonatigen Verhandlungen ging, war doch die Mandschurei, die Schlüsselposition Chinas. Auf die Vorrechte, die sich Sowjetrußland dort erschlichen hatte und mit denen es die Möglichkeit gegeben sah, das industriearme China in ständiger Abhängigkeit zu halten, hat Moskau nun verzichten müssen, und daß es dies nicht leichten Herzens tat, das zeigen die langwierigen Moskauer Verhandlungen. Alle Rechte, die man den Japanern in der Mandschurei abgenommen hatte, müssen jetzt an China abgetreten werden, einschließlich der beiden großen Eisenbahnlinien. Die Sowjetunion verpflichtet sich überdies, ihre Truppen aus Port Arthur zurückzuziehen. Das ist in der Tat ein großer Erfolg Mao Tse-tungs und beweist, daß er entschlossen ist, um die Souveränität des kommunistischen Chinas auch Moskau gegenüber zu kämpfen; was für ein 400-Millionen-Volk natürlich auch leichter ist als für die europäischen Satellitenstaaten. Kein Zweifel, daß dieser Erfolg Mao in den Augen der revolutionären Chinesen in den südostasiatischen Staaten ein sehr großes Prestige geben wird, eine Konsequenz, die in Moskau sicherlich sorgsam bedacht wurde. Der Kreml hat auf diese Weise, wie er meint, augenfällig demonstriert, daß es ihm wirklich in erster Linie um die nationalen Bewegungen der asiatischen Völker geht, und er wird damit der Ausbreitung des Kommunismus in seinem Sinne vielleicht besser dienen, als es ein Verhandlungssieg gegenüber Mao Tse-tung getan hätte.

Dff.