Spaltung im polnischen Klerus

Die Aktion gegen die katholische Kirche, die in den Vorhangländern nie aufhört, ist in den letzten Tagen besonders in Polen und der Tschechoslowakei sehr verstärkt worden. In Prag ernannte die kommunistische Regierung einen ihr hörigen Geistlichen namens Dechet kurzerhand zum Administrator des Bistums Neusohl in der Slowakei, worauf er vom Heiligen Stuhl auf Lebenszeit exkommuniziert wurde. In Polen, wo die Regierung bisher mit einiger Behutsamkeit vorgegangen war, weit der Katholizismus dort in mancher Hinsicht ernster zu nehmen ist als in der Tschechoslowakei, scheint der Kommunismus nunmehr zu einem vielleicht entscheidenden Angriff in der ganzen Breite der Front anzusetzen.

Es begann mit der Aburteilung eines Abtes, der ein Erziehungsheim für Schwachsinnige, leitete. Dem schloß sich eine Untersuchung beim Breslauer Caritas – Verband an, wegen angeblicher Unterschlagungen, Und alsbald waren im ganzen Staatsgebiet Verfahren im Gange, bei denen die Beschuldigungen über den Schmuggel bis zur staatsfeindlichen Propaganda erweitert wurden. Nach dieser propagandistischen Vorbereitung beseitigte die Regierung die Caritas-Leitung völlig. Sie setzte eine kommissarische Verwaltung ein die aus solchen Geistlichen bestand, die dem kommunistischen Regime ergeben sind. Und darin, liegt offenbar der Kern der jetzigen Attacke, das, wodurch sie sich von früheren Angriffen unterscheidet: die Regierung beginnt jetzt eine regierungsfreundliche Gruppe des Klerus in den Vordergrund zu schieben, mit der Behauptung, bei ihr seien die wahren Katholiken zu suchen, im Gegensatz zu den falschen, die die Soutane nur als einen Schild benutzten, um ungestraft eine staatsfeindliche Tätigkeit betreiben zu können.

Deutlich sichtbar wurde die neue Taktik durch eine Kundgebung, die diese von der Regierung gewonnene Priesterschaft in Warschau veranstaltete, wobei sich 250 bis 300 Kleriker, also eine immerhin erhebliche Anzahl, ohne Rücksicht auf das Exkommunizierungsdekret des Vatikans zu einer „rückhaltlosen Zusammenarbeit“ mit der Regierung bekannten. Sie gebrauchten Redensarten wie: „Unsere Regierung sorgt für die Familie und erteilt soziale Hilfe, das kann nur aus einem wahrhaft katholischen Geist kommen“, oder „Die Zeit des Feudalismus ist vorbei, die Zeit der Servilität in der Katholischen Kirche muß nun auch zu Ende gehen“. Und der Ministerpräsident Cyrankiewicz antwortete ihnen: „Ich wünsche Euch viel Glück zu Eurer von einem neuen Geist getragenen Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat ... Eure heiligste Pflicht ist es, den gemeinsamen Weg mit Volkspolen zu gehen ...“

Es scheint, daß die polnische Regierung an das Auftreten dieser Priestergruppe hohe Erwartungen knüpft, das sie, nach den Worten einer offiziösen Zeitung, als den „Beginn einer großen Wandlung in den Reihen des katholischen Klerus“ ansieht und möglicherweise zur Grundlage einer polnischen „Volkskirche“ machen möchte. Vorerst hat sich indessen das Episkopat energisch zur Wehr gesetzt. Es hat in einem von 23 Bischöfen unterzeichneten Hirtenbrief die Teilnahme von Priestern an politischen Kundgebungen verboten und den Caritas-Verband, der die größte Wohlfahrtsorganisation Polens ist, aufgelöst. Das wird die kommunistische Regierung von der Durchführung ihrer Pläne allerdings nicht abbringen können. Vermutlich wird sie mit ihrer üblichen Methode, mit Verhaftungen, antworten. Den Bischof von Kulm, Kowalski, hat sie bereits unter Hausarrest gestellt. G. W. St.