Von Ernst-Günther Lipkau

Das Königreich Jordanien macht von sich reden. König Abdullah hält die Altstadt von Jerusalem besetzt. Über seinem Wüstenkönigreich schneiden sich wichtige Kraftlinien: Luftwege der Empire-Verteidigung, Ölleitungen von den arabischen Revieren zum Mittelmeer. Im Süden liegt Akaba, die Flankenstellung zum Suezkanal. Am 11. April finden Parlamentswahlen in Jordanien statt. Nur des Königs eigene Partei, die Wiedergeburtspartei, stellt Kandidaten. Die Möglichkeit einer Einigung zwischen König Abdullah und Israel erscheint – zumindest aus nahöstlicher Perspektive – in größere Nähe gerückt.

Amman, Anfang Februar

Der Platz Mafrak müßte eigentlich Eitschsix heißen und „H 6“ geschrieben werden. Aber der Name und ein Dutzend Lehmhütten waren schon da, bevor die Iraq Petrol Company ihre Rohrleitung durch die Wüste und Stützpunkte mit Kennzahlen anlegte. Wo Pipe-Line und Hedschasbahn sich schneiden, uralte Karawanenstraßen, Schmugglerwege und die Gabelung eher modernen, auf keiner Karte verzeichneten Wüstenautobahn zusammentreffen: dort liegt Mafrak. Ein sandgelbes Wüstenfort mit vier kubischen Bunkertünmen, Palisadentore aus Stahlplatten, ein weites Flugfeld mit glänzenden Asphaltpisten und ein Dutzend Baracken, Depotbunkern, Bungalows und verblichenen Zeiten – so präsentiert sich der erste Ort des Haschemiden-Königreiches Jordanien, wenn man von Norden – von Syrien aus – einfährt.

In Mafrak ist immer etwas los. Jagd auf Haschisch-Schmuggler aus den Drusen-Bergen, Sabotage an der Ölleitung, Überfälle und Diebstahle der Beduinen, englische und irakische Jagdstaffeln auf dem Flugplatz und ein überraschend zügiger Automobilverkehr zwischen den Haupstädten Damaskus und Amman. In Richtung Bagdad rollen schwere Versorgungs-Tracks der I. P. C. an die Ölfront. Für Pumpstationen und Pipe-Line war im Januar Generalüberholung angesetzt. „Bald wird wieder Mossulö ins jüdische Haifa fließen“, raunen die Ölleute. Aber schon zweimal hat man bisher vergeblich Vorbereitungen dazu getroffen.

König Abdullahs Haupstadt Amman, dieser Talkessel mit seinen Terrassen und Falten ist ein einziger Bauplatz. Mit dem Tempo einer Wildwest-Siedlung schießt hier plötzlich eine Stadt mit modernem Gesicht aus dem Sand. Vermummte und pluderhosige Gestalten beschlagen den weichen weißgelben Kalkstein, mischen Mörtel mit englischen Maschinen und verankern mit viel Geschrei Rundeisen zu Betongerippen. Von den alten Lehmhütten haben sich viele marktschreierische Fassaden mit grellen Farben zugelegt. Fernsprechleitungen und Strom-–drähte hängen noch in wilden Bündeln provisorisch durcheinander. Woher das Geld zu dieser Bau-Hausse kommt, weiß niemand zu sagen. Knapp eine halbe Million Wüstenaraber, die noch niemand gezählt hat, sind die Einwohner des Landes. Durch die Einverleibung neuer Gebiete diesseits des Jordans sind noch zweihunderttausend Seßhafte, Bauern, Handwerker und Händler, hinzugekommen. Eipisi, wie die Iraq Petrol Company in ganz Arabien genannt wird, und Truppen haben viel Geld gebracht. Zweieinhalb Millionen Pfund bezieht König Abdullah jährlich aus London. Aber all das würde nicht ausreichen, wenn nicht so ein blühendes Schmugglerwesen bestände. Geschmuggelt wird mit allem. Gold, Rauschgifte und Zigaretten im Transit bringen den größten Gewinn. Aber auch Warenladungen von Textilien, Uhren, Messer und Waffen passieren die Wüsten Jordaniens, um die hohen Einfuhrzölle verschiedener Bestimmungsländer zu umgehen. Und alle lassen sie den Untertanen König Abdullahs ihren Tribut.

Als sich der frischernannte Emir Abdullah 1920 in Amman niederlassen durfte, fand er einige hundert Lehmhütten und ein einziges Steinhaus vor. Inzwischen entstand sein neuer Palast, der mit seiner Freitreppe mehr einer Riviera-Villa der Jahrhundertwende als der der Residenz eines Wüstenkönigs gleicht. Das Baumaterial wurde aus den Ruinen der alten Römerstadt Filadelfia mit ihrem Amphitheater, Tempeln und Palästen geholt. Die Untertanen folgten dem Beispiel ihres Herrn und benutzten denselben Steinbruch. Erst neuerdings darf man die kümmerlichen Ruinenreste nicht mehr antasten. Sie sollen die Ziele eines künftigen Fremdenverkehr werden.