Die Bedeutung der Elektroindustrie als Schlüsselindustrie einer Volkswirtschaft wird erheblich dadurch gekennzeichnet, daß sie für alle Kreise der Wirtschaft und für die gesamte Bevölkerung der Hersteller und Zulieferer von Geräten und Anlagen ist, die maßgeblich den technischen und damit zu ihrem Teil den zivilisatorischen Stand eines Volkes bestimmen. Die Elektrotechnik unterwirft schon dadurch die Struktur des Wirtschaftslebens und des allgemeinen und öffentlichen Lebens einer steten Entwicklung, daß sie immer neue Gebiete für ihre Anwendung erobert. Richtig abgerundet wird diese Bedeutung aber erst unter dem Gesichtspunkt, daß die Industrie einen wichtigen Abnehmer beinahe sämtlicher Zweige der rohstoffschaffenden und halbzeugherstellenden Wirtschaft darstellt, angefangen von Kohle, Eisen, Kupfer, Blei, Aluminium, Zinn, und über Kunststoff, Chemikalien, Lacke, Die bis zu Papier, Zellstoff, Textilgewebe, Wolle, Seide, Hanf und Kautschuk. Sie unterhält mit diesen Zweigen der Wirtschaft ein enges, sich gegenseitig befruchtendes Liefer- und Abnehmerverhältnis. Während die Elektroindustrie auf einigen Gebieten, wie z. B. dem der NE-Metalle, den wichtigsten Abnehmer darstellt, der über 50 v. H. der Erzeugung aufnimmt, hat sie auf anderen Gebieten zu einer wesentlichen Verfeinerung und Fortentwicklung der Materialien geführt. Es sei nur an das große Gebiet der Kunststoffe erinnert. Dieses ist aus einem Bedürfnis der Elektroindustrie heraus völlig neu entstanden und hat sich erst nachträglich noch weitere Anwendungsgebiete geschaffen, so daß heute die Kunststoffe auf vielen Gebieten, die mit Elektrotechnik nichts zu tun haben, nicht mehr entbehrt werden können.

Aber auch an die Qualität der technischen Papiere und Gespinste sowie an Gummi stellt die Elektrotechnik in bezug auf mechanische Festigkeit und elektro-physikalische Beschaffenheit besondere Anforderungen, was zur Herstellung verfeinerter Gespinste und Papiere führte, die sich heute auch, andere Anwendungsgebiete erobert haben. Darüber hinaus verlangt die Elektroindustrie bei Eisen und Metallen aus physikalischen Gründen für besondere Zwecke Qualitäten ganz spezieller Eigenart (z. B. Elektrobleche, Kathoden-Kupfer) und ermöglicht umgekehrt die Schaffung derartiger Qualitätserzeugnisse durch Anwendung elektro-chemischer und -physikalischer Verfahren. Es sei hier an den im elektrischen Lichtbogen geschmolzenen Elektrostahl und an das elektro-chemisch gewonnene Kathoden-Kupfer und Aluminium erinnert. Eine Großerzeugung von Aluminium ohne elektrotechnisches Verfahren ist undenkbar. Trotz der hier geschilderten Entwicklung neuer Rohstoffe in Form von Kunststoffen und der Verfeinerung des Materials ist vor allem auf dem Gebiet der NE-Metalle, auch bei Kautschuk und bei Ölen, die Elektroindustrie stark von Zufuhren aus dem Ausland abhängig.

Die Rohstoffverwendung der Elektroindustrie ist technologisch bedingt, und es gibt nur einen sehr engen Bereich, innerhalb dessen in der Elektrotechnik verschiedene Materialien gegeneinander ausgetauscht werden können. Bei anderen Industrien trifft dies in wesentlich höherem Maße zu. Daraus ergibt sich, daß die Elektroindustrie eine starke Verbundenheit mit der Entwicklung der ausländischen Rohstoffmärkte aufweist, insbesondere auf dem NE-Metallgebiet. Wenn es auch im Interesse der deutschen Elektroindustrie liegt, daß auf diesen auslandsabhängigen Gebieten die geringeren binnendeutschen Erzeugungsstätten für NE-Metalle erhalten bleiben, so dürfte dies im Hinblick auf deren z. T. höhere Produktionskostenlage nicht dazu führen, daß im Interesse dieser vorzugsweise der Elektrotechnik dienenden Erzeugung das binnendeutsche Preisniveau über das Weltmarktpreisniveau sich erhebt, wie dies etwa bei einem Zollschutz der Fall sein kann. Es müssen auf diesen Gebieten, wie z. B. bei Kupfer, Zink und Aluminium, andere Wege gefunden werden, die deutsche Produktionskostenlage herabzusetzen. Als solche Wege kämen Rationalisierung und Maßnahmen zur Standortverbesserung in Frage.

Die Notwendigkeit für die Elektroindustrie, Rohstoffe zu Weltmarktpreisen beschaffen zu können, begründet sich in erster Linie darauf, daß elektrotechnische Erzeugnisse zu den Haupt-Exportgütern Deutschlands gehörten, Deutschland heute auf den Export dieses wichtigen Gebietes aber weniger als je verzichten darf, sondern ihn Im Gegenteil aus den bekannten Gründen noch verstärken muß. Ein Export kann aber nur zu weltmarktkonkurrenzfähigen Preisen durchgeführt werden und dieser setzt wiederum bezüglich der Rohstoffkosten Weltmarktpreise für Rohstoffe voraus.

Der Kampf auf dem Weltmarkt wie auch auf dem Binnenmarkt geht heute sowohl auf dem Gebiet der Produktionsgüter als auch im Bereich der Konsumartikel sozusagen um den letzten Pfennig, sodaß selbst leichte Preiserhöhungen die sich aus einer Steigerung der Rohstoffkosten ergeben, zu erheblichen Schwierigkeiten gegenüber den ausländischen Wettbewerbern führen. Man wende nicht ein, daß der Rohstoffanteil bei elektrotechnischen Erzeugnissen so niedrig sei, daß er nicht ins Gewicht falle. Er liegt im Durchschnitt immerhin zwischen 25 bis 30 v. H. und steigt bei einigen erheblich ins Gewicht fallenden Gruppen bis an 50 v. H Eine Preissteigerung für Rohstoffe um nur 10 v. H. würde folglich eine Preissteigerung für elektrotechnische Erzeugnisse von 3 bis 5 v. H. bedingen. Wenn man ferner bedenkt, daß die ausländischen Wettbewerber nicht unter den sonstigen kostensteigernden Faktoren zu leiden haben, denen die deutsche Industrie unterliegt (Kriegszerstörungen, Demontagen, Patentverluste, Wegnahme ausländischen Besitzes), dann kommt es gerade auf diesen Faktor der Rohstoffkosten besonders an. Die Elektroindustrie gehört noch obendrein zu den Industriezweigen, die diesen Verhältnissen in besonderem Maße ausgesetzt waren, da sie ihren Schwerpunkt in dem völlig ausgeräumten Berlin hatte, über einen besonders ausgedehnten Patentbeste verfügte und auf Grund ihrer technischen Vertriebsbedingungen auf ausländische Niederlassungen stark angewiesen ist. Es bedurfte einer ganz erheblichen Kraftanstrengung der deutschen Elektroindustrie, diesen schweren Rückschlag wieder einigermaßen auszugleichen. Das war insbesondere deshalb vordringlich, weil die elektrotechnischen Erzeugnisse verschiedener Fertigungsstätten im Hinblick auf ihren Zusammenbau zu elektrotechnischen Anlagen quantitäts- und qualitätsmäßig aufeinander abgestimmt sein müssen.

Die hier genannten Gesichtspunkte konkurrenzfähiger Preise erhalten im Hinblick auf die Bestrebungen zur Liberalisierung des Außenhandels und der Bildung eines europäischen Großwirtschaftsraumes ein besonderes Gewicht, weil bei der Verwirklichung dieses Vorhabens mit starkem ausländischem Wettbewerb im Ausland und auch im Inland zu rechnen ist. Schon jetzt spielen bei der gesunkenen Kaufkraft der breiten Bevölkerung, an die die Elektroindustrie ihre Fertigwaren liefert, und in Auswirkung der fehlenden Kapitalien innerhalb der Wirtschaft, der Energieversorgung, des Verkehrs und des Nachrichtenwesens, die Kostenfaktoren eine erhebliche Rolle, die sich aus der Entwicklung der Rohstoffpreise und der Rohstoffdarbietung ergeben. In diesem Zusammenhang verdienen die Reformpläne hinsichtlich der Neugestaltung der Verkehrstarife für die Elektroindustrie eine erhebliche Bedeutung, da sich aus deren Verfolgung eine Verteuerung der Rohstofffrachtkosten ergibt, die gerade die Industrien besonders schwer trifft, die ihren Standort nicht nach rohstofforientierten Gesichtspunkten wählen konnten, sondern deren Betriebe dort aufgebaut werden mußten, wo sich eine mit feineren Arbeiten vertraute Arbeiterschaft befand.

Abschließend kann festgestellt werden, daß seit geraumer Zeit hinsichtlich der mengen- und qualitätsmäßigen Versorgung der Elektroindustrie an Rohstoffen keine Versorgungsschwierigkeiten mehr bestehen, abgesehen bei Edelmetallen. Die auf Grund der Demontage der August-Thyssen-Hütte eingetretenen Schwierigkeiten bezüglich der mengen- und qualitätsmäßigen Versorgung mit Elektroblechen sind so ziemlich behoben, und es bestehen nur noch gewisse Mängel bezüglich Elektroblechen niedriger Wattverluste. Auf diesem Gebiet sind wir noch von Einfuhren abhängig. Erhebliche Schwierigkeiten bestanden vor geraumer Zeit im Hinblick auf die Versorgung mit elektro-keramischen Erzeugnissen, die früher vorzugsweise von mittel- und ostdeutschen Betrieben vorgenommen wurde. Westdeutschland war gezwungen, während der Blockade eigene Fertigungen auf diesem Gebiet einzurichten, die heute bereits laufen.