Im Januar wandte sich der Generaldirektor der archäologischen Forschungsstelle des Irak, Dr. Naji al Asil, an die führenden archäologischen Institute der USA mit der Bitte um Unterstützung bei der Übersetzung und Wissenschaftlichen Auswertung von etwa 2400 in mehreren Jahren ausgegrabenen Keilschrifttafeln, unter denen besonders 200, die in der letzten Saison gefunden wurden, von großer Bedeutung sind. Diese Tafeln wurden in Schadippur – heute Tel Harmel genannt – ausgegraben; einer Stadt, die am 2000 v. Chr. ein Verwaltungszentrum dies kleinen sumerischen Königreichs Eschunna war. Schadippur war nach langer Vernachlässigung durch die Archäologen vor zwei Jahren bekannt geworden, als man dort das sogenannte Aschima-Gesetzbuch fand, das um etwa 200 Jahre älter ist als das berühmtere des Hamurabi. Hatten diese Gesetzbücher die – von vielen Philosophen seit langem behauptete – Un Veränderlichkeit gewisser moralischer Grundanschauungen durch die Jahrtausende gezeigt, so ist das Aufregende in den jetzigen Funden der durch sie erbrachte Beweis, daß die Sumerer mehr als 1400 Jahre vor Pythagoras den Pythagoreischen Lehrsatz Das Quadrat über der Hypotenuse ist gleich der Summe der Quadrate über den Katheten) bereits gekannt und mathematische Formeln verwendet haben, die sogar erst lange nach Euklid in der abendländischen Algebra angewandt worden sind. Nach dem vorläufigen Bericht der irakischen Archäologen scheinen die Tontafeln, die in ausgegrabenen Häusern gefunden wurden, eine Art von „Schulbüchern“ gewesen zu sein, mit deren Hilfe die sumerischen Schulmeister vor 4000 Jahren ihren Unterricht erteilten.

Bedeutungsvolle Funde wurden etwa gleichzeitig von einer gemeinsamen Expedition der Universitäten von Chicago und Pennsylvanien in Nippur, 150 km südlich von Bagdad, gemacht. Nach einem vorläufigen Bericht des Expeditionsleiters Dr. Thorkild Jacobsen, eines der wenigen Fachleute der sumerischen Sprache, wurden Keilschriften aus dem 19. und 20. vorchristlichen Jahrhundert gefunden, die Hymnen, Gedichte, Mythen und Epen wiedergeben. Eine Hymne an die Gottheit Nansche droht göttliche Strafen für die Verletzung der Moral und der sozialen Ethik an. Auch hier wurden mathematische Formeln und Methoden gefunden, die sich vor allem auf die Berechnung von Flächeninhalten beziehen; dazu ein Bericht über einen Mordprozeß, der in der Zeit um 1900 v. Chr. stattfand. Dr. Jacobsen erklärte, aus den Keilschriften gehe hervor, daß im sumerischen Staatsrecht demokratische Elemente nachweisbar seien; so aus einem Bericht über eine Art Parlamentsversammlung, die zur Zeit des Königs Ur-Ninurta (um 1900 v. Chr.) stattfand. W. F.