Von Paul Westheim

Paul Westheim war in den Jahren vor 1933 einer der führenden deutschen Kunstschriftsteller. Mit seiner Zeitschrift „Das Kunstblatt“ hat er viel dazu beigetragen, daß ein Verständnis für die eigentümlichen Werte der außereuropäischen Kunst aufkam, und in diesem lichte wurden damals schon die Bestrebungen der nachimpressionistischen deutschen Malerei und Plastik unbefangen gewürdigt. Heute lebt Westheim in Mexiko. Dort veröffentlichte er stehen ein Buch über die Wesenszüge altmexikanischer Kunst.

Kurt Stavenhagen war schon früher in Frankfurt am Main ein passionierter Sammler. Nach Mexiko hat er einige seiner Kunstschätze retten können: das Porträt der Prinzessin Cecilia Gonzaga von Pisanello, eines der wenigen und zweifellos das bedeutendste Bildnis dieses italienischen Meisters des fünfzehnten Jahrhunderts, der der berühmteste Medaillenschneider der Neuzeit ist, eine kleine Madonna von Lucas Cranach d. X., eine Landschaft von Corot, ein Tänzerinnen-Pastell von Degas und – einzigartig – eine Sammlung antiker Ringe, von Ägypten und Griechenland bis zu den deutschen Zunftringen, in der alle Zünfte vertreten sind. Das Germanische Museum in Nürnberg hat sie einstmals erwerben wollen.

Als Stavenhagen vor zehn Jahren nach Mexiko kam, konnte er wieder das Sammeln nicht lassen. Wer, von dieser Passion besessen, könnte das? Von dem Kardinal Mazarin wird berichtet, daß er im Tag vor seinem Tode einen Gesandten waren ließ und sich mühsam in seine Galerie schleppte. Vor seinen Raffaels und Tintorettos stöhnte er: „Und das alles muß ich verlassen!“

Stavenhagen fand in Mexiko ein neues Gebiet für seine Sammelpassion: die Plastiken der altmexikanischen Völker-Er hat eine stattliche Reihe Kleinplastiken zusammengebracht, wobei für die Wahl nicht die archäologische Bedeutung entscheidend war, vielmehr das, was für viele auch in Mexiko noch zu entdecken ist: die künstlerische Form.

Jahrhundertelang, in der „Kolonialzeit“, wo die Kirche das geistige Leben bestimmte und beherrschte, wurden diese Werke, die aufs engste mit dem Kult verbunden waren, als „heidnischer Aberglaube“ systematisch unterdrückt, nach Möglichkeit sogar vernichtet, Als man am Ende des vorigen Jahrhunderts in Mexiko begann, sich an die gloriose Vergangenheit zu erinnern, und anfing, die Pyramiden auszugraben, die im Laufe der Jahrhunderte verschüttet waren, da waren die Dinge, die zutage kamen, so fremdartig, so rätselhaft, so unverständlich, daß es zunächst fast unmöglich schien, hinter Sinn und Bedeutung dieser Erscheinungen zu kommen. Pionierarbeit dabei leistete ein Deutscher: Eduard Seiler, Professor am Berliner Museum für Völkerkunde, der aus dem altmexikanischen Mythos die Bedeutung dieser Gestaltungen und die Eigenart ihrer Formgebung zu erklären verstand. Außerdem war es notwendig, die sehr verschiedenartigen Kulturen des alten Mexiko in ihren charakteristischen Merkmalen zu erfassen. Mühsame Forscherarbeit, der die mexikanischen Archäologen sich widmeten und noch heute widmen.

Aber viele dieser Archäologen waren in den traditionellen künstlerischen Vorstellungen Europas aufgewachsen. Griechen- und Renaissance-Kunst waren der Maßstab, der doch keine Geltung haben kann für die Schöpfungen Altmexikos, das wie Asien, wie Ägypten eine autochthone Kunstwelt war, die aus ihrer eigenen Welt- und Naturvorstellung, aus ihrem eigenen Mythos, ihrem magischen Denken lebte und also zu eigenen Ausdrucksformen gefangen mußte und gelangt ist. Das zu erkennen war fast unmöglich, solange das künstlerische Denken noch in der normativen Ästhetik des neunzehnten Jahrhunderts befangen war, die einen festen Maßstab zu haben glaubte, gültig für alles Schaffen. Jetzt, da man weiß, daß man von dem ganz und gar verschiedenartigen Kunstwollen der einzelnen Völker und Zeiten auszugehen hat, fängt man an, Altmexiko auch künstlerisch zu begreifen.