In Budapest stehen zur Zeit der Amerikaner Robert A. Vogeler und der Engländer Edgar Sanders gemeinsam mit fünf ungarisches Staatsangehörigen wegen Spionage und Sabotage vor dem Volksgerichtshof. Vogeler und Sanders sind Angestellte der Internationalen Telefon- und Telegrafen-Gesellschaft und gehören ihrer Budapester Zweigstelle an. Die ungarischen Angeklagten sind etwas bunter zusammengewürfelt. Unter ihnen befinden sich ein Geschäftsführer dieser Gesellschaft, der Abteilungschef eines Ministerin ums, ein Priester und eine Beiname. Das Milieu ist, einschließlich der Personen von Ankläger und Richter, dasselbe wie im Mindszenty- und im Rajk-Prozeß. Ebenso prompt wie in diesen Prozessen erfolgten auch diesmal die Gestände nisse der Angeklagten. Und ebenso hoffnungslos ist der ganze Fall.

Man fragt sich, welche politische Bedeutung diese Spionageprozesse eigentlich haben sollen, die jetzt, abwechselnd mit den Säuberungsprozessen, in den Satellitenländern aufgezogen werden. Von dem Brauch, Leute, die man als unangenehm empfindet, einfach auszuweisen, sind die Satelliten seit einiger Zeit abgegangen, so auch im Fall des französischen Konsulatsangestellten Robineau, der kürzlich in Polen auf Grund ähnlicher Vorwürfe zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden ist. Dabei ist das Material, das in allen diesen Prozessen zutage kommt, immer äußerst dürftig. Jedoch selbst die ganz normale Unterrichtung, deren ein Konsul oder ein Geschäftsmann nun einmal bedarf, wird in diesen Ländern bereits als Spionage angesehen, und so muß man damit rechnen, daß solange immer wieder solche Prozesse veranstaltet werden dürften, bis der letzte Diplomat oder sonstige Ausländer entweder eingesperrt oder abgereist ist.

Offenbar liegt darin auch der Zweck des Unternehmens. Selbst der geringe Grad von Beobachtung, der den Westmächten heute noch in Osteuropa möglich ist, scheint den dortigen Regierungen auf die Nerven zu gehen, Sie sehen überdies in den Spionage verfahren eines der Mittel, in Moskau ihre Loyalität zu zeigen, was dort offenbar um so höher eingeschätzt wird, je boshafter der Rest von Beziehungen mit dem Westen eingeengt und belastet wird.

Mit einem dagegen wird man nicht zu rechnen haben, nämlich damit, daß etwa der pathetische Ton der Anklageschriften in den Spionageprozessen irgendeiner moralischen Entrüstung entspräche. Das wäre auch grotesk im Anblick der Fuchs, Hiß, Coplon und Gubitschev, die im Dienst der angebeteten Sowjetunion ein Tausendfaches von dem geleistet haben, was man in den Satellitenländern den Beamten und Kaufleuten der Angloamerikaner immer vorwerfen mag. So wäre der Gedanke nicht ganz von der Hand zu weisen, daß die Satelliten dabei sind, Objekte für einen Austausch überführter Spione zu sammeln... H. A.