Von Alex Natan

Im September 1946 schrieb der Londoner Vertreter von Metro-Goldwyn-Mayer einen Brief an die BBC, um gegen die Kritik einer Rundfunksprecherin zu protestieren, die Filme besagter Firma verrissen hatte. Die Sprecherin – übrigens eine erstklassige Filmkritikerin – hätte keine Ahnung, was das große Publikum wolle, und die Kritik hätte unnötigerweise der ganzen Filmindustrie geschadet. Die amerikanische Filmgesellschaft verhängte überdies einen Boykott über die Dame, die nicht mehr zu Vorschauvorstellungen eingeladen wurde. Die BBC lehnte die Motive jenes Briefes ab und stellte fest, daß sie der Kritikfreiheit ihrer Mitarbeiter keineswegs Beschränkungen auferlegen würde. Die Filmgesellschaft hielt ihre Beschuldigungen aufrecht, worauf sie von der Kritikerin verklagt wurde.

Das Gericht erkannte in erster Instanz für die Klägerin, die 1500 Pfund Buße wegen mündlicher und schriftlicher Verleumdung zuerkannt erhielt. Das Berufungsgericht verwarf dieses Urteil und entschied zugunsten der Filmgesellschaft. Die Kritikerin appellierte an das Oberhaus gegen das Verwerfungsurteil. Nach viermonatiger Verhandlung wurde auf Aufrechterhaltung des Berufungsurteils erkannt. Es wurde der Filmgesellschaft zugestanden, in Wahrnehmung ihrer Interessen gehandelt zu haben.

Diese juristische Stellungnahme hat allgemeines Befremden erregt, weil sie bedenklich in das Recht zur freien Meinungsäußerung eingreift. Wohin soll es führen, wenn der Kritiker sich künftig fragen muß, welche Folgen seine ehrliche Urteilsbildung haben könnte?

Es ist bisher Tradition gewesen, daß der Künstler sich freiwillig der Kritik stellte, die in vielen Fällen erst seinen Ruhm gemacht hat. Die Wechselbeziehung zwischen Künstler und Kritiker ist viel zu irrationeller Art, um in juristische Kategorien gefaßt zu werden. Wenn auch manches unrichtige Urteil vorkommt, so muß dennoch unbeschränkte, aber verantwortungsbewußte Gedankenfreiheit für den Kritiker verlangt werden. Denn mit Recht hat „The Times“ darauf hingewiesen, daß die „schöpferischen und kritischen Fähigkeiten unterschiedliche Funktionen der menschlichen Gesellschaft“ sind.

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Dieses geschah in England Aber ähnliches könnte jeden Tag auch in Deutschland passieren und ist auch mehrfach schon passiert, und zwar nicht nur im Zeitalter des Kritikverbots, sondern im Laufe der letzten Jahre. Der Künstler ist sehr für die Kritik eingenommen, sofern sie ihn durch Lob fördert und die Basis seiner Publizität erweitert; und er ist sehr dagegen, wenn sie etwas an ihm auszusetzen findet. Er will also Kritik – jedoch nur lobende. Allerdings wird er selten offen zugeben, daß er der anerkennenden Kritik ein gutes Maß von seiner Geltung mit zu danken hat; aber im Falle dies Tadels schiebt er prompt der Kritik die „Schädigung“ zu – nicht seiner zweifelhaften (mindestens: bezweifelten) Leistung. Dann heißt das: „Wahrnehmung berechtigter Interessen“. Aber ist das berechtigtes Interesse, wenn für eine mindere Leistung Lob verlangt wird? Hier scheint denn doch der juristische Begriff ein Loch zu haben, das von der rein merkantilen Auffassung der Sache keineswegs gefüllt wird! Oder soll etwa die „Einladung“ der Presse – womit ja eben ausgedrückt wird, daß man Kritik wünscht – ganz offiziell so aufgefaßt werden, daß die damit selbstverständlich verbundene Zuteilung von Freiplätzen als Kaufpreis für eine positive Wertung zu gelten habe?