Es wäre falsch, bei Beurteilung der Berliner Wirtschaftslage nur die Sorgen der Industrie zu sehen. Das wirtschaftliche Bild Berlins wurde sie allein von seiner Industrie bestimmt, so wichtig diese auch für die deutsche Gesamtwirtschaft war. Nicht weniger bedeutsam für die Berliner Wirtschaft waren die sogenannten „öffentlichen Dienstleistungen“, die schon rein behördenmäßig Berlins Charakter als Reichshauptstadt mit sich brachte. Die Reichshauptstadt hatte zudem aber auch wirtschaftliche Verbände aller Art, die Zentralen der Großbanken und Versicherungsgesellschaften-, der Verkehrseinrichtungen und viele andere wichtige Institutionen angezogen. Sie hatte auf dem Gebiete des Warenaustausches und des Exports eine überragende Stellung eingenommen. Alle diese Funktionen sind entweder ganz weggefallen oder doch so vermindert und geschwächt worden, daß ein Vergleich mit früher schwer erscheint. Besonders auf dem Gebiete des Handels ist die Vermittlerrolle Berlins zwischen Ost und West bis auf die bescheidenen Ansätze, die sich aus dem Interzonenabkommen ergeben, fast völlig unterbunden. Diese Zusammenhänge lassen sich auch zahlenmäßig feststellen: während die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer in Westberlin im Verlaufe des Jahres 1949 von 788 000 auf 712 000, also um 76 000 zurückging, stieg die Zahl der registrierten Erwerbslosen im gleichen Zeitraum von 129 000 auf 274 000, also um 145 000 an.

Die Überwindung der Berliner Wirtschaftskrise ist also nicht von der industriellen Seite allein zu erwarten. Da aber Berlin seine Aufgabe als Hauptstadt vorläufig nicht erfüllen kann, mit einer Belebung der Wirtschaftszweige, die wir unter dem Begriff „der öffentlichen Dienstleistungen“ zusammenfassen, oder die sich allgemein von der politischen Bedeutung der Stadt herleiten, vorerst nicht zu rechnen ist, bleibt der Berliner Industrie eine weit größere Verantwortung als früher. Hier gibt es noch Reserven, die für die wirtschaftliche Erholung der Stadt mobilisiert werden können und müssen. In der Westberliner Industrie waren 1936 mehr als 320 000 Arbeitnehmer beschäftigt, Mitte 1949 aber nur noch 135 000. Bei diesem auffallend starken Rückgang der Beschäftigtenzahl ist freilich zu berücksichtigen, daß auch die Einwohnerzahl Westberlins heute etwa um ein Viertel niedriger ist als vor dem Kriege. Darüber hinaus treten in dieser Beschäftigtenzahl die zusätzlichen Verluste und Schwierigkeiten in Erscheinung, die den Wiederaufbau der Westberliner Industrie seit 1945 in weit höherem Maße erschwerten, als das im Gebiet der heutigen Bundesrepublik der Fall ist.

Neue zusätzliche Schwierigkeiten für Westberlin brachte die Währungsreform und in ihrem Gefolge die fast einjährige Blockade. Beide hatten zur Folge, daß die Produktion der Westberliner Elektroindustrie – um diese hier herauszugreifen – im zweiten Halbjahr 1948 abnahm, während die Elektroproduktion in der Doppelzone von 646 Mill. auf 1039 Mill. DM, also um nahezu 60 v. H. anstieg. Trotzdem kam der Ausbau der Berliner Werke auch während der Blockade nicht ganz ins Stocken. Entlassungen konnten von den Großfirmen in dieser Zeit vermieden werden, monatelang allerdings nur durch Übergang zur Kurzarbeit. Bei den mittleren und kleineren Betrieben mag die Entwicklung vielfach weniger günstig verlaufen sein. Insgesamt aber hat sich die Berliner Elektroindustrie in dieser Zeit als krisenfester erwiesen als andere Industriezweige.

Wenn Ende 1949 in der Berliner Elektroindustrie nur noch etwa 50 000 Menschen Brot und Arbeit fanden gegenüber 112 000 im Jahre 1936, dann erscheint besonders vom Arbeitsmarkt her gesehen der Ausbau der Westberliner Elektroindustrie in erheblichem Umfange möglich. Berlin ist heute weit davon entfernt, in gleichem Maße wie früher der Vorort der deutschen elektrotechnischen Industrie zu sein. Sache der Berliner Unternehmungen ist es, die Produktionsbedingungen, insbesondere die Maschinenausstattungen mit Hilfe der jetzt anlaufenden ERP-Kredite soweit zu verbessern, daß ihre Leistungsfähigkeit hinter der der westdeutschen Industrie nicht mehr zurücksteht. Es kann keinem Auftraggeber im Westen zugemutet werden, Aufträge nach Berlin zu leiten, für die er wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen müßte. Soweit die .Berliner Wirtschaft aber in Qualität und Preis mit westdeutschen Erzeugnissen konkurrieren kann, hat Westdeutschland gegenüber Berlin eine Verpflichtung. Man sollte auch nicht übersehen, daß die volle Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten eine wichtige Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit ist und daß Westberlin ohne den westdeutschen Absatzmarkt seine Aufgabe nicht erfüllen kann.

Daß die Produktionswerte der Westberliner Industrie in den letzten Monaten erheblich gestiegen sind – vom September bis zum November 1949 allein von 90 auf 116 Mill. DM – ist ein gutes Zeichen für den wirtschaftlichen Gesundungsprozeß. Hierbei haben zweifellos die Zusagen der Bonner Regierung, die angelaufenen Auszählungen der Blockadehilfe, die Ankündigung der Investitionskredite sowie das Gesetz über die Aufwertung der Uraltkonten belebend mitgewirkt. Neben der inneren Regeneration der Betriebe kommt alles darauf an, in der Berliner Industrie neue Arbeitsplätze zu schaffen, um die unerträglich hohe Arbeitslosenziffer zu senken. Ob die Aufwertung der Uraltkonten und die bisler aus ERP-Mitteln zugesagten Investitionskredite – von etwa 44 Mill. DM entfallen knapp die Hälfte auf die Berliner Elektroindustrie – dazu ausreichen werden, erscheint noch nicht sicher. Weder dem Kreditgeber noch dem Kreditnehmer ist damit gedient, daß eine durchgreifende Besserung der Berliner Wirtschaftslage durch eine engherzige Vergebung von Krediten und Aufträgen nutzlos hinausgezögert wird.

Die Berliner Elektroindustrie war vor dem Kriege in erheblichem Umfange am deutschen Export beteiligt. Eine Wiederbelebung dieses Exportes, für den sich neuerdings gute Ansätze zeigen, würde zur Belebung der Wirtschaftslage wesentlich beitragen. Die Wettbewerbsfähigkeit im Auslande war jedoch immer auch eine Frage des vollausgenutzten Binnenmarktes und der vorhandenen Produktionskapazität. Es wird noch großer gemeinsamer Anstrengungen der Westberliner Wirtschaft und ihrer westdeutschen und ausländischen Förderer bedürfen, um mit der Lösung der wirtschaftlichen Probleme die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß Westberlin seine im gesamtdeutschen Interesse liegende Aufgabe erfüllen kann.