Von Erik Very

32 Jahre sind seit jenem 24. Februar 1918 vergangen, da eine provisorische Regierung zwischen dem Abzug der roten und dem Einmarsch der deutschen Truppen die Republik Estland ausrief. 32 Jahre, in denen das deine Land sechsmal den Besitzer wechselte, bis es schließlich, wie seine Nachbarn, hinter dem „Stählernen Vorhang“ verschwand. – In einem norddeutschen DP-Lager traf dieser Tage ein Flüchtling aus Estland ein, der vom Alltag seiner Heimat folgendes zu berichten weiß:

Als ich eines Morgens aufwachte, war ich ein Saboteur. Beileibe nicht einer von jenen Verwegenen, die sich Vorteile davon versprechen, eine Maschine unbrauchbar zu machen. Nein, ich war einfach von einer kleinen Privatfeier zu schwer angeschlagen und wachte am anderen Morgen nicht rechtzeitig auf. Ich hätte eine Stunde später, als es meiner Dienstzeit entsprach, am Bahnhof gestanden, um meine Züge abzufertigen. Grund genug, daß man mich nach der Verfügung des Obersten Sowjets vom 26. Juni 1940 mit wenigstens sechs Monaten Besserungsarbeit hätte bestrafen können. Nun, ich habe mich nicht verspätet, denn ich bin gar nicht erst hingegangen. Ants auch nicht. Wir haben uns davongemacht. Auf welchem Wege? Ja, das kann ich beim besten Willen nicht sagen, denn es werden vielleicht noch andere denselben Weg gehen, und ich habe kein Interesse daran, ihnen diese Chance zu nehmen...“

Man sah, was es für den Mann bedeutete, endlich ohne Furcht alle seine kleinen und großen Sorgen abladen zu können. Er erzählte planlos, manchmal sich wiederholend, Wesentliche; und Unwesentliches durcheinanderwerfend, vom Alltag hinter dem Stählernen Vorhang.

„Zwei Heere, 1941 die Russen und 1944 die Deutschen, haben bei ihrem Rückzug aus Estland das Prinzip der ‚Verbrannten Erde‘ praktiziert. Das Ergebnis war, daß Reval zu 30 und Dorpat zu 70 v. H. zerstört wurden. Äußerlich ist davon nicht mehr viel zu sehen. In Feierabendschichten, die dem Namen nach freiwillig waren, wurden die Städte aufgeräumt. Geschlossene Trümmer flachen wurden in Grünflächen und öffentliche Parks verwandelt. Ein großer Teil der Gebäude wurde auch wieder neu aufgebaut. So als eines der ersten das Estonia-Theater in Reval, dem ein großer Versammlungsraum für Parteiveranstellungen angeschlossen wurde. Das normale Straßenleben sieht ungefähr so aus: Gutgekleidete Leute sieht man wenig, dafür aber viel Betrunkene. Der Wodka ist nämlich die erschwinglichste von allen Waren. Es gibt ihn nicht nur in Restaurants, sondern sogar in Kiosken an allen Straßenecken. Sie wissen, daß der weiße Kartoffelschnaps ein ziemlicher ‚Totschläger‘ ist, und werden, sich daher fragen, ob es nicht sehr viele Verkehrsunfälle gibt. Kaum, denn es gibt fast keinen Verkehr. Nur die Wagen der Armee (meistens Pacht- und Leih-Studebaker) und der Behörden (viel, deutsche Beutewagen darunter) tauchen ab und zu auf. Ich kenne übrigens einen einzigen Esten, der einen Privatwagen besitzt. Es ist der Sowjetmeister im Ringkampf, Johannes Kotkas. (In Westdeutschland wird man seinen Namen vielleicht noch von der Berliner Olympiade kennen, wo er eine silberne Medaille für Estland gewann.) Aber der verstärkte Alkoholverbrauch hat natürlich andere unangenehme Folgen. Die Arbeitsdisziplin hat so gelitten, daß der Gewerkschaftsverband einen Antialkohol-Feldzug plante. Er hatte jedoch wenig Glück, denn das Finanzministerium protestierte energisch gegen den möglichen Verlust dieser bedeutenden Steuereinnahme.“

„Sie erzählten vom zerstörten und wiederaufgebauten Reval. Wie zum Beispiel haben Sie selbst gewohnt?“

Ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht: „Ich wohnte in einem Staatsbau. Ich mietete ein Zimmer von 24 Quadratmetern. Ich hatte nicht daran gedacht, daß mir nur sechs Quadratmeter zustanden. Da ich mir innerhalb dreier Monate selbst keine Untermieter ausgewählt hatte, bekam ich sie eingewiesen: Zwei Arbeitskollegen und einen Lehrling aus der Eisenbahnwerkstatt. So ist es überall. Pro Person gibt es sechs Quadratmeter; was darüber ist, wird oft mit wildfremden Menschen belegt, wenn sie nur des gleichen Geschlechts sind. Es kommt natürlich auch vor, daß mehrere Familien oder Ehepaare in einem Zimmer wohnen.“