Im Salzgittergebiet gehen eigenartige Dinge vor. Hier wird nämlich im Rahmen der Reichswerke-Demontage eine Erzaufbereitungsanlage abgebaut, die weder zu den Reichswerken gehört, noch auf der Demontageliste steht: Es handelt sich um die „Renn-Anlage“, die vor Jahren von Krupp unmittelbar neben den Reichswerken errichtet wurde, um die eisenarmen Salzgittererze für die eisenschaffende Industrie an der Ruhr aufzubereiten, also hochofenfähig zu machen. Die Anlage diente – wohlgemerkt – folglich nicht den Reichswerken. Es bestehen auch keinerlei Querverbindungen und Verflechtungen. Die Rennanlage im Salzgittergebiet wurde von Krupp aus eigenen Mitteln erstellt und ist bis auf den heutigen Tag juristisch und wirtschaftlich ein Zweigbetrieb dieses Unternehmens.

Eine Demontage dürfte also nur möglich sein, wenn sie in der Demontageliste vom Oktober 1947 unter den zu demontierenden Anlagen der Kruppwerke aufgeführt worden wäre. Das ist aber nicht der Fall. Ebenso ist sie auch nicht unter den Demontageobjekten der Reichswerke in der Liste verzeichnet, was zwar auf Grund der Rechtslage selbstverständlich ist, aber irrtümlich hätte der Fall sein können. Die Kruppanlage im Salzgittergebiet steht also nirgendwo auf der als endgültig bezeichneten Demontageliste. Um so erstaunlicher ist es, daß eines Tages diese Anlage kurzerhand auf die Inventurliste der Reichswerke gesetzt und als zu demontierendes Objekt bezeichnet wurde – ohne Begründung.

Selbstverständlich wurde von Krupp alles getan, um diese widerrechtliche Demontage abzuwenden; ohne Erfolg. Der Regional Economic Officer in Niedersachsen hat das Todesurteil für die Rennanlage bestätigt. Anfang Februar wurde mit der Demontage begonnen. Auch die Vorstellungen bei der Bundesregierung haben nichts gefruchtet, obgleich die Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie nachdrücklich auf die wirtschaftliche Bedeutung der Rennanlage im Salzgittergebiet hingewiesen hat, da die Ruhrindustrie jetzt wieder der Hauptabnehmer der Salzgittererze ist. Die Bundesregierung hat erklärt, daß sie in dieser Angelegenheit nichts mehr bei den Oberkommissaren tun könne.

Zweifellos ist das gegenwärtige Klima zwischen Bundesregierung und Hoher Kommission nicht gerade das beste. Es überrascht dennoch die Bonner Resignation; denn im Falle der Rennanlage handelt es sich ja nicht um eine unberechtigte Forderung, sondern lediglich um die Abwendung einer widerrechtlichen Maßnahme. Hier liegt der Präzedenzfall einer „Kollektiv-Demontage“ vor, der im Notstandsgebiet Watenstedt besonders schwer wiegt und verhindert werden müßte. Noch ist es Zeit. Sr.