W. T. Peking, Anfang März

Die Angehörigen der chinesischen Kolonie in New York and in allen westlichen Weltstädten haben Ende Februar zum 4648. Male ihr Neujahrsfest gefeiert: mit bunten Umzügen, lärmenden Raketen und nach altem Zeremoniell. Doch in China selbst war in diesen sonst so freudevollen Tagen alles still. Dem Sieg der Bolschewisten folgte ein schreckliches Erwachen ...

Keine Neujahrsbuden, keine Stände mit Zuckerwerk, keine Verkäufer glückbringender runder Früchte! Dunkel, lautlos, bedrückt lagen die früher so festlich-gedrängten Straßen von Peking. Das Volk sann nach. Das Volk hat Angst. Jeder einzelne, der es gewagt hätte, Raketen und Weihrach für die Tempel zu kaufen, hätte fürchten müssen, daß er für den Luxus höher besteuert werde, und alle, die an der alten Tradition hängen – Bauern, Frauen und die nun bankrotten Kaufleute – sind abergläubisch furchtsam geworden. Was aber wird herauskommen, wenn zum hergebrachten Symboltage der Fruchtbarkeit und Mehrung keine Opfer gespendet wurden? War es mit Regen und Mißernte im vergangenen Jahr nicht genug? Sind nicht alle arm geworden?

Woran läßt sich in China messen, ob das ganze Volk bis zum letzten verarmt ist? Die Antwort liegt auf der Straße: Niemand stochert mehr in Winkeln und Müllhaufen. Die Kinder mit kleinen, eisernen Kratzern fehlen. Weil nichts da ist, nichts mehr abfällt! Katzen und Hunde werden zudringlich und – verschwinden auch mehr und mehr...

Billige Kulis für Moskau

Kein Bauer darf seinen Ertrag mehr selbst verkaufender muß alles an den Staat für Lieferungen nach Rußland abgeben. Und das in einem Jahr der Mißernte! Und doch ist das für die Bauern noch die kleinste Sorge, sie erleben größere, dringendere Nöte: Steuerlast und Landenteignung. Die Steuer muß in drei Tagen gezahlt werden, und zwar von den „Reserven“, die diese zweihundert, dreihundert Jahre ansässigen, armen, stillen Kleinbauern „dem Volk erpreßt haben“ sollen. Wer nichts hat, wird ohne Essen eingesperrt, bis er einen Zahlungsweg ersonnen hat. Diese Methoden sind so neu wie unchinesisch. Aber es kam soweit, daß Familien ihre Kinder verkauften und die Balken aus ihren kümmerlichen Hütten. In ihrer schrecklichen Not ziehen die Bauern vom Lande zu Verwandten in die Städte und betteln um Arbeit. Wie oft sieht man diese großen nordchinesischen Gestalten mit den verwitterten braven Gesichtern an den Straßen im Schafspelz stehen. Sie sind aus ihrer verarmten Heimat geflohen, weil Rußland fünf Millionen chinesischer Arbeiter angefordert hat. Die Sowjetbrüder nämlich benötigen billige chinesische „Kulis“, damit eigene Leute fürs Militär freigegeben werden können. Doch wie die Chinesen die Verschleppung fürchten! Sie rücken familienweise zusammen. Der Schuster rückt zusammen mit Schneider und Weißkohlverkäufer. Und bei alledem die große Armut! Altangestammte hundertjährige Firmen schließen oder verkaufen Streichhölzer, Seife und Handtücher ...

Die reichste Straße Pekings, die Straße der weltbekannten Antiquare, Juweliere und Seidenhändler, Liu-li-chang, trägt dies neue Gesicht der Armut. Im Schaufenster steht wohl als „Stilleben“ eine antike edle Majolikaschale, eine tausendjährige Bronze, die heute kein Ausländer mehr zu kaufen wagt, weil jeder fürchtet, daß sie ihm bei der Ausreise beschlagnahmt wird; daneben aber liegen billige, chinesische Zigarettenpäckchen zum Tagesverkauf ... Auf den offenen Altmärkten gibt es nur „feste Preise“, die „auf dem Papier“ stehen. Niemand darf mehr herumhandeln, und so ist dem Chinesen die Freude am Kaufen genommen. Außerhalb des Marktes, möglichst in einer Nebenstraße, läuft der Sohn des Budenbesitzers einem mit der Ware nach und bietet: „Wieviel willst du zahlen?“