Die Frankfurter Lösung der Theaterfrage wird Schule machen. So befürchtete Heinz Friedrich in seiner Glosse „Kunst gleich Kanalisation“ vom 2. März. Diese Äußerung der „Zeit“ griff der Oberstadtdirektor von Düsseldorf auf, identifizierte sich – als Chef eines großen Verwaltungsapparates! – mit den vorgetragenen Einwänden gegen die verwaltungstechnische Abhängigkeit des subventionierten Theaters und gab ein praktisches Gegenbeispiel: die Neuordnung des Theaterwesens in Düsseldorf. Auf einem Empfang sprach Gustaf Gründgens, sekundiert von Oberbürgermeister Gockeln und Oberstadtdirektor Dr. Hensel, über die Folgerungen, die Düsseldorf in dem neuen Vertrag mit seinem Generalintendanten aus der erstickenden Einklemmung des Theaters durch die Bürokratie gezogen hat. „Über kurz oder lang werden sich Städte und Länder darüber klar sein müssen“, sagte er, „daß die heutige Form des subventionierten Theaters veraltet ist. Ich habe die Form des Stadttheaters erst nach dem Krieg in Düsseldorf kennengelernt und bin erschrocken über die Schwerfälligkeit eines solchen Betriebes. Nach meiner Überzeugung geht die öffentliche Hand in der Subventionierung der Kulturorganisationen bis an die äußerste Grenze des Möglichen. Sie geht aber nicht immer rationell vor. Dazu sind zwischen Beschlußfassung und Ausführung zu viele Instanzen mit der Angelegenheit befaßt.“

Wenn zum Beispiel ein Intendant, um bei plötzlicher Erkrankung eines Sängers die Abendvorstellung zu retten, im letzten Augenblick einen Gast durch ein Ferngespräch heranholt, die Telefonkosten aber von seiner eigenen Gage bezahlen muß, weil die formelle Genehmigung des Stadtkämmerers nicht mehr rechtzeitig eingeholt werden konnte, dann erlischt jede Initiative. Auch die eigenmächtig über den Theaterleiter hinweggehende Kontrolle aller möglichen Verwaltungsdienststellen muß das Gefühl für persönliche Verantwortung auslöschen. Wenn jede Einstudierung eines noch so bedeutenden Werkes nach dem Kassenrapport bewertet wird, wenn nach jeder Premiere die Anfertigung jedes Stuhls, die Länge der Stiefelschäfte und das Material der Dekorationen nachgerechnet und der Intendant darauf hingewiesen wird, daß es nach Ansicht eines Finanzobersekretärs oder eines im Kulturausschuß sitzenden Handwerkers auch billiger gegangen wäre, dann muß im Theaterleiter der Künstler schließlich resignieren. Glaubt er aber nach sparsamer Bewirtschaftung seiner Zuschußmittel einmal etwas wagen zu können, was den Einsatz verdient, dann kommt bestimmt eine städtische Behörde, die über „Sammelnachweis“ bereits die aufgespeicherten Gelder verausgabt hat: Die städtische Bauverwaltung zum Beispiel hat eigenmächtig und ohne Befragung des Intendanten Reparaturen im Theater ausgeführt oder die Grundstücksverwaltung hat einen zusätzlichen Parkplatz erworben. Dieser Kampf mit dem Rechenstift gegen bürokratische Übergriffe absorbiert heute die Kraft der Theaterleiter fast vollständig. Den Schaden hat die Kunst, deren Unrentabilität dann die Behörde bescheinigt.

Um Gründgens in Düsseldorf zu halten, hat sich die Stadt zu einem Systemwechsel entschlossen. Gründgens ist sein eigener Vorgesetzter im Rahmen der Verwaltung geworden. Seine Dienststelle rangiert künftig gleichberechtigt neben den übrigen städtischen Ämtern und untersteht nur dem Oberstadtdirektor als Chef der Gesamtverwaltung. Neben der künstlerischen trägt er in vollem Umfange auch die wirtschaftliche Verantwortung für sein Institut. Die Verwendung der ihm anvertrauten öffentlichen Zuschußmittel muß er belegen, aber da dies in einfachster Form („anstatt bisher in einer Art Sanskrit“) geschehen soll und seinen Dispositionen zeitlicher Spielraum gewährt wird, hat der Intendant die Möglichkeit auch zu wendigen Improvisationen gewonnen. Mit ihnen kann er Überraschungen von der Besucherseite abfangen und dennoch manches riskieren, was Geld kostet, sofern er es anderswo wieder einbringt.

Diese mutige Reformation der öffentlichen Theaterverwaltung ist nicht ohne Vorbild. Heinz Tietjen hatte als Generalintendant der preußischen Staatstheater zeitweise eine ähnliche Funktion im Kultusministerium. Der Erfolg war eine unanfechtbare und bewegliche Theaterführung. Gründgens sieht auf städtischer Ebene die Düsseldorfer Regelung nicht nur als eine persönliche Forderung an. Er will sie als Beispiel verstanden wissen, als einen ersten Schritt, um zu einer modernen Theaterführung zu kommen, die „Privatinitiative“ auch im Rahmen einer öffentlichen Verwaltung ermöglicht. Dazu gehört freilich außer einem organisatorisch wie künstlerisch gleichbefähigten Intendanten ein entschlußfreudiges und verständnisvolles Stadtoberhaupt, wie es Düsseldorf in dem Landtagspräsidenten Gockeln besitzt. Es ist jedoch nicht ohne Pikanterie, daß das Gegenbeispiel einer Theaterbewertung, die Kunst gleich Kanalisation setzt, heute von Frankfurt geboten wird, dessen Oberbürgermeister Kalb sich vor einigen Jahren von Düsseldorf verabschiedete mit der als Vermächtnis verkündeten Mahnung: „Für zwei Positionen des Etats soll eine Stadt jederzeit gefüllte Kassen bereit halten, für die Wohlfahrt und die Kunst.“

Einen Schönheitsfehler hat allerdings auch der neue Vertrag zwischen Gründgens und Düsseldorf. Er ist nur auf zwei Jahre abgeschlossen worden. Das gibt Gründgens die Möglichkeit, seine Tätigkeit jetzt unter erleichterten Verhältnissen fortzusetzen, um sich dann aufs neue über seine endgültigen Absichten schlüssig zu werden.

Johannes Jacobi