Wenn man nicht nur die Mannequins, sondern das Publikum auf den Modeschauen betrachtet – in Hamburg finden augenblicklich wöchentlich zwei und mehr statt –, so kann man sehen, daß es auch in Deutschland noch Kreise gibt, die sich teure Modellkleider leisten können. Aber man kann leider auch sehen, daß es oft sehr an Charme und Chic fehlt, diese Glanzstücke der Modeerfinder zu tragen. Wir Deutschen – besonders im nordischen Hamburg – sind ernsthafte hintergründige Menschen, aber die natürliche Freude, das Leben mit äußerlichen Nichtigkeiten zu verschönen, macht uns Hemmungen. So fehlen natürliche Grazie und Mut. Wir fürchten so sehr den Vorwurf der Oberflächlichkeit. Und es gilt wirklich nicht als besonders seriös, über Mode zu sprechen. Außer den Besucherinnen der Modeschauen gibt es daher auch, von den Fachleuten abgesehen, nur wenige, denen Namen deutscher Modeerfinder geläufig sind. Heinz A. Schulze, früher Berlin, jetzt München, ist unter jenen von Rang einer, der mutig und phantasievoll, mit Stil, kultiviertem Farbsinn und vollendeter Technik um Interesse und Popularität wirbt.

Die Sprache der Mode ist sonderbar wie jede Fachsprache. Sie liebt die Superlative und exaltierte Worte und macht sich damit nicht sonderlich beliebt. Es mag aber eine heimliche Sehnsucht nach der Pariser Atmosphäre sein, wo es die couturiers leichter haben, die Heinz Schulze Namen wie „Etvile“ und „Midi“ für seine Modelle eingaben, die er jetzt in Hamburg zeigte. Es ist die Sehnsucht nach jener öffentlichen Anerkennung, die die Pariser Couturiers genießen. Sie schaffen in einem Klima, das sie trägt und belebt. Dort gedeihen die Talente und ihre lebensbejahenden Schöpfungen kommen zu voller Geltung.

Fast immer können die Modelle von Schulze abgewandelt werden, indem mit reizend anzusehenden Gesten Verschlüsse auf- und zugenestelt werden. Seine Modelle für Frühjahr und Sommer waren charakterisiert durch die besondere Linie der raffiniert geschnittenen Röcke, mit breiten Falten oder schräg gewickelten Stoffbahnen und hochgestellten losen Kragen, die verhüllend bis zum Kinn reichen und geöffnet ein weites Dekolleté freigeben. Seine Mannequins wissen von der Kunst der kleinen öffnenden oder verhüllenden Gesten und zeigen mit Anmut, Temperament und Sicherheit, daß man es verstehen muß, Kleider zu tragen. EM