„Diese Schanze ist ein Teufelswerk.“ (Birger Rund angesichts der Riesenschanze von Planéca, Jugoslawien).

Obwohl ein Sportler vom Range Sepp Weilers mit der Schalmei das Signal zum ersten Sprung geblasen hatte (der Text zu der Melodie lautete: „Laßt die Kühe raus“) und obwohl ein Priester vor der Eröffnung der Schanze den kirchlichen Segen erteilte, sind sich die Sportler in aller Welt noch nicht darüber einig, ob die neue Oberndorfer Mammutsprungschanze ein sportliches oder ein auf Sensation und Massenanziehung hin gebautes Ereignis ist. Denn als schon am ersten Tag ein Österreicher den inoffiziellen Weltrekord von 124 Meter sprang, meint einer der Veranstalter mit einem Blick auf die Menge, die die Sprungbahn umsäumte, sorgenvoll: „Aber der Weltrekord sollte doch erst am letzten Tage fallen...“

Die Springer-Elite Deutschlands, Österreichs, Schwedens und der Schweiz war am Start. Die Schanze ist 161 Meter hoch. Die Springer erreichten durchschnittlich eine Weite über 100 Meter. Auf den bisher größten Schanzen der Welt wurde kaum einmal die Hundertmetergrenze überschritten. (Und keine der Schanzen, die Weiten über 100 Meter gestattet, hat die „Fis“ – die internationale Skisportorganisation – bisher anerkannt.) Die Sportler selbst nennen daher ihren Flug unter dem Oberstdorf er Himmel nicht mehr „Skispringen“, sondern „Skifliegen“. Auf dieser Schanze haben sich Boden- und Auftriebswinde und ärodynamische Gesetze herausgestellt, die bisher beim Skispringen noch nicht wirksam waren. Die sportliche Leistung des Skispringens setzte sich allerdings auch aus zwei Komponenten zusammen: aus der Haltung des Springers und der erzielten Weite. In Oberstdorf spricht keiner mehr von der Haltung, es geht nur noch um die Weite.

Im übrigen war die Furcht des Oberndorfer Veranstalters, das Publikum könne, nachdem der Weltrekord schon am ersten Tag gefallen war, das Interesse verlieren, grundlos: erstens fielen der Weltrekorde in den nächsten Tagen noch mehrere. Und zweitens wären die Leute auch so geblieben. Oberstdorf wimmelte an diesen Tagen von Fremden, und sogar das Bundesfinanzpräsidium in Bonn hatte für diese Tage – ganz zufällig – eine Sitzung nach Oberstdorf anberaumt. In den Buchhandlungen gab es prächtige Sportbücher zu kaufen: „Sepp Weiler als Kuhhirte“ oder „Frauen sehen Sepp Weiler an“ (obwohl sich Weiler selbst in einer eigenen Broschüre gegen diese Publikation wehrte). Nur die Ärzte, die sich ebenfalls, nachdem sie die Mammutschanze besichtigt hatten, auf einen „Riesenbetrieb“ gefaßt gemacht hatten, wurden angenehm enttäuscht: denn von den Springern der Mammutschanze hat sich während der „Sportwoche“ nur einer leicht verletzt. Das ist weniger als bei einem gewöhnlichen Abfahrtslauf. P. H.