Paris, im Januar

Nicht etwa die Generäle Eisenhower und Montgomeryhaben den Krieg gewonnen, auch nicht die Russen. Eine Hollywooder Spitzenleistung bringt die Wahrheit ans Licht: An einem nebligen Winterabend 1940/41 betraten vier unsympathisch aussehende Herren ein Papiergeschäft in New York, das einem hübschen jungen Mann, Frank Griffin, gehörte. Dieser Frank Griffin war ein Enkel des berühmten „unsichtbaren Mannes“ von H. G. Wells (in jeder besseren Bibliothek vorhanden). „Her mit Großpapas Rezept!“ sagten die finsteren Herren, „wir wollen wissen, wie man sich unsichtbar macht.“ „Mitnichten“, sprach der Papierhändler, „denn ich sehe an eurer Nasenspitze, daß ihr deutsche Spione seid, ich aber bin ein amerikanischer Bürger!“ Bei diesen Worten flohen die erkannten Nazis eilig, und es erschien alsbald ein Agent des amerikanischen Geheimdienstes. Auch er will das Rezept der Unsichtbarmachung. Aber Griffin gibt es ihm nicht.

Dann kommt Pearl Harbour. Ein demokratisches Herz schlägt in Griffins papierner Brust, und er stellt das Rezept und sich selber dem bedrohten Vaterlande zur Verfügung. Er wird als unsichtbarer Geheimagent Nummer 1 nach Berlin spediert, und begibt sich dort zu einem Tischler. Auf das Kodewort: „Ich komme, um den Sarg im Empire-Stil abzuholen (man beachte die feine Anspielung) gibt sich der Tischler, baß erstaunt ob der Unsichtbarkeit seines Gegenübers, als Agent des Intelligence-Service zu erkennen. Griffin will wissen, wann New York bombardiert werden soll. Nichts leichter als das, meint der Intelligonce-Tischler: Maria Sörensen, die Geliebte des Gestapochefs Heiser, weiß es. Bei ihr trifft der Unsichtbare Gestapochef Karl. Den kennen wir doch? Es ist einer der Nazis aus New York. Mit ihm gelangt der Unsichtbare in die Reichskanzlei. Nachdem er dort einige Dutzend von Gestapisten über den Haufen geschossen hat, ergreift er Maria – man weiß nicht recht wozu, kann sich’s aber denken – und stürmt mit ihr zum Flugplatz. Gerade wollen 100 Bomber starten, um New York zu bombardieren. Griffin bemächtigt sich einer Maschine, vernichtet schnell die 99 anderen und braust ab. Glückliche Landung in London. „Gestatten Sie“, sagt der Chef des Intelligence Service, „daß ich Ihnen unsere Hauptagentin Miß Mary Griffith vorstelle, alias Maria Sörensen.“ Griffin gestattet.

So also wurde der Krieg von den Alliierten gewonnen. Und wer von dem Film „Der Unsichtbare gegen die Gestapo“ noch nicht überzeugt ist, daß es so war und nicht anders, der sehe sich den Film „Sabotage in Berlin“ an oder eines der anderen Machwerke dieser Art, die ein geduldiges Publikum heute noch über sich ergeben läßt. „C’est bizarre“, sagte ein Mann bei der Filmpremiere in Paris zu seiner Frau, als das Licht wieder anging, „ist doch komisch, daß der Krieg trotzdem so lange gedauert hat und so viele Opfer kostete.“ Georges R. Raymond