Von W. Renner

Man spricht viel von einer „Krise in der Medizin“. Zwei Dinge werden hiermit gemeint. Das eine ist, daß in Europa der Glaube an die Gültigkeit der Wissenschaft versiegt. Auf der anderen Seite führte die naturwissenschaftliche Denkweise selber die Ärzte zu der Erkenntnis, daß in Krankheit und Heilung eine solche Anzahl integraler Faktoren wirksam sind, daß es niemals möglich ist, sie alle wissenschaftlich in ihrer wechselseitigen Bedeutung zu erfassen. Aber die Kenntnis der Grenzen einer Methodik birgt stets einen Fortschritt. Die Möglichkeiten neuer bedeutender Erfolge sind in der naturwissenschaftlichen Medizin keineswegs erschöpft. Und ungeordnete weltanschauliche Spekulationen, wie sie zum Teil üppig ins Kraut schossen, sind nicht schon deshalb gültig, weil sie die naturwissenschaftlichen Gesetze überspringen.

In diesem Jahr erschienen in Deutschland drei bedeutende Bücher, die den Standort der modernen Medizin bestimmen. „Arzt und Wissenschaft“ heißt die Autobiographie Georg Jürgens’. Als Mitarbeiter Robert Kochs und Zeitgenosse Ehrlichs und Wassermanns ließ er sich nicht von ihren mitreißenden Gedankengängen verführen, die Krankheit als etwas Fremdes, von außen Eindringendes zu betrachten, was im wesentlichen durch ihren „Erreger“ bedingt sei und durch die Bekämpfung des „Erregers“ vernichtet werden könne. Er meint, daß diese spekulativ-mechanistische Verknüpfung von Ursache und Wirkung zu einem ungesunden Denken in der Medizin geführt habe. Ansteckende Tuberkulöse, die sich gesund fühlen, und klinisch erscheinungsfreie Syphilitiker mit positiven Blutreaktionen sind seiner Ansicht nach nicht als Kranke anzusehen. Ihre Gefahr für die Umgebung sowie die von Typhus- und Diphtheriebazillenträgern beruhe mehr auf Theorien als auf Erfahrungen. Der Führungsanspruch der Wissenschaft vor dem praktischen Arzt habe sich überlebt. Die Wissenschaft könne immer nur Teile sehen und überprüfen, während der praktische Arzt bei seinen Kranken intuitiver Schau den Ablauf der Krankheit erleben und zum Guten beeinflussen könne.

Der Psychiater Ernst Kretschmer geht in seinen „Psychotherapeutischen Studien“ (Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart) einen anderen Weg. Er kämpft gegen die verschwommenen Ansichten, die heute noch vielfach über die Psychotherapie herrschen. Ohne Gliederung des Stoffes ist keine Ordnung möglich. Und er weiß auch, daß bei seiner Gliederung der körperlichen und seelischen Bereiche ein gewisser Verzicht auf Genauigkeit im Einzelfall notwendig ist. Tonus und Haltung in ihren Beziehungen zur Konstitution des Menschen und ihre Beeinflussung durch verschiedene psychotherapeutische Maßnahmen werden abgegrenzt. Schreck und Freude bewirken zahlreiche körperliche Veränderungen, die scheinbar ursächlich wenig miteinander zu tun haben. Genau so kann die bewußt angewandte Psychotherapie, wenn sie sich nach Haltung, Tonus, Konstitution der zu behandelnden Person richtet, die jeweils gewünschten Veränderungen absichtlich hervorrufen. Die Komplexität der seelisch-körperlichen Vorgänge beruht nach Kretschmer wahrscheinlich auf der engen örtlichen Nachbarschaft ihrer Zentren im Zwischenhirn. Besonders wichtig aber erscheint die Erkenntnis, daß der Psychotherapeut, der heute noch in der Rolle des mystischen Magiers auftritt, nicht nur unwürdig sondern auch für seine Patienten unzweckmäßig handelt.

Noch nie wurde eine solche Synthese von medizinischer Wissenschaft und praktischem Arzttum erreicht wie in dem Buch des Heidelberger Internisten Werner Siebeck: „Medizin in Bewegung“ (ebenfalls Thieme-Verlag). Nach verschiedenen Leiden geordnet, läuft das Leben der Kranken in ergreifenden Biographien vor uns ab. Sie werden durch, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung der Krankheiten verbunden. Besonders ausführlich werden die Tuberkulose, die soziale Medizin und die psychosomatische Medizin betrachtet. In diesem Buch steht kein Satz, den nicht jeder Wissenschaftler bejahen könnte, und keiner, den nicht jeder praktisch tätige Arzt dankbar empfängt. Die Bescheidenheit, mit der einer der größten lebenden deutschen Internisten sich jeder apodiktischen Aussage enthält, entspringt dem Glauben, daß unser Leben und Wissen immer unvollkommen bleiben werden. Aber trotz ihrer Begrenzung sind sie wunderbare Geschenke.