Sowjet-Zukunft zu Lande, zu Wasser und in der Luft – V. Spionage und Polizei

Von Nikolaus Eck

Als erste Zeitung in Deutschland ist „Die Zeit“ in der Lage, einen zusammenfassenden Bericht über den roten Spionage- und Polizeiapparat zu bringen, der auf authentischem Material beruht. Er ist deswegen von hohem Interesse, weil er die Hintergründe der sowjetischen Politik, ihre enge Verkopplung mit der militärisch-politischen Spionage in allen Ländern und den wahren Charakter des totalitären kommunistischen Polizeistaates beleuchtet. Die Ausführungen über die Atomspionage der Sowjets sind angesichts des Falles Fuchs und der vermutlich noch sensationelleren Spionagefälle, die in England und den USA vor ihrer Aufdeckung stehen, von besonderer Aktualität.

Was ist die Kraft, die den Sowjetstaat aufrechterhält? Wie stellt sich das System dar, wenn man den kommunistischen Propagandaschleier lüftet, der einer naiven Welt ein zufriedenes und „wie ein Mann“ hinter Seiner Regierung stehendes „Sowjetvolk“ ständig vortäuscht? Die Lebenskraft des Sowjetstaates beruht auf der Polizeidiktatur und den Arbeitslagern. Sie beruht auf dem Mißtrauen der Regierenden gegen die Regierten. Sie beruht auf einem Spitzel- und Spionagesystem im Innern des Landes und im Ausland. Ohne Zweifel ist das rote Spionagenetz das weitestverzweigte und am besten organisierte in der ganzen Welt. Es verschlingt einen sehr großen Teil des sowjetischen Budgets, da das Politbüro im Kreml sich seinen Nachrichtendienst und Polizeiapparat etwas kosten läßt und das Heer seiner Agenten – besonders die vielen qualifizierten „Spezialisten“ unter diesen – sehr gut bezahlt. Zu diesen „Experten“ treten die „Laienhelfer“ der Spionage, nämlich die Mitglieder der kommunistischen Parteien, vor allem auch die vielen Mitläufer in allen Ländern der Erde.

Sind alle Kommunisten Spione?

Es wäre allerdings ein Irrtum anzunehmen, daß jeder erklärte Kommunist ein roter Spion sei. Viel wirksamer und gefährlicher sind die getarnten Mitglieder der kommunistischen Parteien und deren Mitläufer in den sogenannten bürgerlichen Kreisen, die auf den Gebieten der Wissenschaft, des Beamtentums, der Wehrmacht, der Kunst und der Wirtschaft im Dienste der roten Spionage in aller Welt arbeiten. Gerade diese Kräfte haben im Zeichen des „Kalten Krieges“ eine große Bedeutung gewonnen: Die militärische Spionage verfolgt stets ja nur den Zweck, für den Fall eines Krieges die Stärke des mutmaßlichen Gegners zu erkunden. Heute aber liegt für die rote Spionage der Akzent mindestens ebensosehr auf dem Gebiet des Politischen wie dem des Militärischen, denn es ist der „Kalte Krieg“, der die Zersetzung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen des politischen Gegners durch Agenten, Spione, Saboteure und durch eine massive oder differenzierte Propaganda in Wort und Schrift bezweckt. Auf diese Weise sollen die Massen der arbeitenden Bevölkerung in aller Welt irregeleitet und zu Streiks und Aufständen aufgehetzt werden, wie dies ja auch der Sinn der sogenannten „Friedenskampagne“ des Kominform ist, die überall eng mit der roten Spionage zusammenarbeitet. Für diese Taktik sind die Streiks der Dockarbeiter, der Eisenbahner und Industriearbeiter in Frankreich gegenwärtig ein beredtes Beispiel.

Wer die Geschichte des Spionage- und Polizeiapparates der Sowjetunion schreiben wollte, der würde mit den abenteuerlichsten und blutigsten Geschehnissen beschäftigt sein, die es je in der Welt gegeben. Seit der November-Revolution 1917 haben die Bezeichnungen dieses Apparates fast ebensooft gewechselt wie die Narren seiner verantwortlichen Leiter: Der polnische Kleinadlige Dscherschinski war in Lenins Auftrage der Gründer der „Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution die in der russischen Abkürzung Tscheka genannt wurde. Ihm hat das kommunistische System die Sicherung seiner Macht im Innern zu verdanken. Er starb eines natürlichen Todes. Seine Nachfolger Menschinski und Jagoda wurden dagegen als „oppositionelle“ Kommunisten erschossen, und von dem vierten in der Reihe, Jeschow, vermutet man, daß er in der Verbannung lebt. Gegenwärtig ist Stalins Landsmann, der Georgier Lawrentij Berija, der oberste Chef des politischen und zum größeren Teil auch des militärischen aktiven und passiven Spionagedienstes der UdSSR und ihres terroristischen Polizeiapparates.