Michael Schipkow steht nicht im Who is Who. Sein Schicksal – Verhaftung, Folterung, Verurteilung – hat, traurig zu sagen, kaum mehr etwas Außergewöhnliches an sich. Trotzdem ist er über Nacht zu einem Symbol geworden: zu einer Verkörperung jenes grauenvollen Leidens, an dem Tausende vor den Augen der sogenannten gesitteten Welt Jahr für Jahr schweigend zugrunde gehen. Schipkow, als einziger, hat nicht geschwiegen.

Michael Schipkow, 39 Jahre alt, stammt aus einer wohlhabenden bulgarischen Bürgerfamilie. Seine Erziehung, zum Teil an der amerikanischen Schule in Sofia, war westeuropäisch und liberal. Er gehörte zu den bulgarischen Intellektuellen, die im Kriege ihre Hoffnungen auf Roosevelt und Churchill setzten, beim Zusammenbruch im Spätsommer 1944 auf das Kommen der Engländer und Amerikaner rechneten. In Wirklichkeit kam die Rote Armee und in ihrem Schlepptau eine kommunistische Regierung. So wurde Schipkow, ohne irgendwas dazuzutun, mit einem Male ein unzuverlässiges Element und ein Klassenfeind: weil er in einem bürgerlichen Haus geboren war.

Etwas später kamen auch Engländer und Amerikaner, zuerst nur Kommissionen, nachher auch Gesandtschaften. Schipkow, der an Demokratie, Atlantik-Charta und an das angelsächsische Prestige glaubte, trat erst in den Dienst der britischen, dann in den der amerikanischen Gesandtschaft. Er wurde Dolmetscher, ein kleiner, bedeutungsloser Angestellter, wie die Stenotypistinnen und Telefonistinnen bulgarischer Nationalität, die dort beschäftigt wurden. Doch ging es ihm dadurch besser als den meisten andern Bulgaren. Schipkow hatte sogar ein Fahrrad,

Fünf Jahre lang jagte eine Säuberung die andere. Zuerst wurden die Klassenfeinde von gestern, dann die Klassenfeinde von heute beseitigt. Tausende von Todesurteilen wurden vollstreckt, Zehntausende von Personen verschwanden. Seit sich die Aktion gegen die „Titoisten“ richtete, wurde die Sprache gegen die „anglo-amerikanischen Spione“ immer schärfer. Spion war jetzt, wer irgendeine, Verbindung mit den Westmissionen unterhielt. Daher verbrachte Schipkow den letzten Sommer in quälender Unruhe. Einer seiner Kollegen, Dr. Sekulow, verschwand und starb in den Händen der Polizei. Schipkows Familie wurde in die Provinz deportiert. So wunderte er sich nicht mehr, als er am 20. August von der Miliz festgenommen wurde.

Nach einigen Verhören, von denen eines ohne Unterbrechung 32 Stunden dauerte, brach er zusammen. Man hatte ihn gezwungen, sich in einer Entfernung von Armlänge mit dem Gesicht zur Wand zu stellen, hierauf einen Schritt von der Wand weg zurückzutreten und sich sodann mit zwei Fingerspitzen auf die Wand zu stützen, also in einer unerträglichen Stellung schräg zu schweben. Als er aus seiner soundsovielten Ohnmacht erwachte, unterschrieb er ein Geständnis, in dem er sich selbst und zahlreiche andere der Spionage beschuldigte, und verpflichtete sich, als Spion der Kommunisten in die Gesandtschaft zurückzukehren.

Schipkow hielt das erpreßte Versprechen nicht. Er ging in die Gesandtschaft, beschrieb dort genau in 8000 Worten die Prozedur, die an ihm vorgenommen worden war, und hinterlegte das Dokument beim Gesandten mit der Bitte, es zu veröffentlichen, falls er nochmals der Miliz in die Hände fallen sollte. Dann blieb er sechs Monate im Gebäude der Gesandtschaft, während sich diese um ein Ausreisevisum für ihn und seine Familie bemühte. Als jede Hoffnung auf das Visum geschwunden war und der Abbruch der amerikanisch-bulgarischen Beziehungen bevorstand, verließ er die Gesandtschaft, um illegal über die türkische. Grenze zu gehen. Dabei wurde er gefaßt und anschließend abermals angeklagt.

Während des Prozesses, der vor einigen Tagen stattfand, veröffentlichte das amerikanische. Außenministerium, „weil Schipkows Opfer sonst vergeblich geblieben wäre“, den Wortlaut der deponierten Erklärung. So wurde dieses einzigartige Dokument bekannt, das nicht nur die ganze Verzweiflung eines Opfers der kommunistischen Foltermaschine, sondern auch die Mentalität der Folterknechte schildert: