Gespräche mit Rußland liegen in der Luft. Und sehr viele Menschen im Westen und im Osten beschäftigen sich mit dem Gedanken, ob die großen Herren der Weltpolitik nicht endlich durch Verhandlungen die Menschheit von dem Alpdruck eines dritten Weltkrieges, eines Atomkrieges, befreien könnten.

Die großen Herren selbst sind darüber geteilter Meinung. Churchill will sich mit Truman und Stalin an einen Tisch setzen und die Dinge beim Namen nennen, Dean Acheson, sekundiert von seinen Beratern Kennan und Jessup, sagt, das sei verfrüht. Man müsse den Kalten Krieg so lange intensivieren, bis der Bolschewismus am eigenen Leibe zu spüren bekomme, daß sein brutaler Expansionismus, auf Kosten anderer Völker die Interessen Moskaus auf die Dauer nicht fördere, sondern in Mitleidenschaft ziehe. Die Sowjets selbst, siegesgewisser denn je seit den Tagen der Revolution, rechnen, daß sie von Verhandlungen nur profitieren können, wenn es ihnen gelingt, durch geschickt formulierte Abkommen den Abwehrwillen des Westens einzuschläfern. Darum haben Malenkow, Berija und andere führende Sowjets in den letzten Tagen mehr als gewohnt von Frieden, Friedenspakten und Atomverhandlungen gesprochen.

Mit einem geteilten Deutschland, das zur einen Hälfte im westlichen, zur anderen im östlichen Bereich liegt, sind wir an der Frage von Verhandlungen „auf höchster Ebene“ vital interessiert, auch wenn sie sich völlig außerhalb unserer Einflußnahme vollziehen. Wir können auch für uns in Anspruch nehmen, daß wir besser als manche anderen die Gefahr zu erkennen vermögen, die wie ein Schatten die Verhandlungen mit aufstrebenden Diktatoren begleitet. Wir wissen, daß das Aufatmen nach dem Münchener Abkommen von 1938, das den Alptraum eines Krieges verscheuchte, doch auch seinerseits nur ein Traumzustand war, aus dem ein Jahr später die Weh rücksichtslos aufgerüttelt wurde. Treibt die Furcht vor einem Atomkrieg die friedensdurstigen Völker des Westens womöglich in ein zweites, noch gigantischeres Abenteuer von München?

Gewiß, im heutigen Zustand ist die einzige Alternative zu Verhandlungen mit dem Kreml der Krieg, Kalter oder Heißer Krieg. Darum darf man Gespräche mit dem Osten nicht leichtfertig ablehnen. Aber eines ist doch sicher: Verbessern können solche Verhandlungen die Weltlage nur, wenn der Westen mit einer überzeugten und überzeugenden gemeinschaftlichen Konzeption und von einem gesicherten Bestand politischer Positionen aus in sie eintritt. Diese Voraussetzungen sind heute noch nicht gegeben. „Krieg gegen Europa? Warum?“ – hat Stalin einmal gesagt – „Europa zerstört sich selbst!“ Die Vorgänge in letzter Zeit scheinen ihm recht zu geben. Für einen von Unstimmigkeiten und nationaler Raffgier zerfressenen Westen bergen Gespräche mit Stalin zweifellos große Gefahren.

C. D.