Von Wilhelm Rüdiger

Karl Scheffler hat von der Hamburger Kunsthalle gesagt, sie habe etwas von dem Charakter einer ungeheuren Privatsammlung an sich, so sehr sei sie das alleinige Werk einer Persönlichkeit: Alfred Lichtwarks. Dieser hat der Kunstsammlung der Stadt Hamburg, die im Jahre 1850 recht bescheiden mit vierundfünfzig Bildern begann, erst das Gesicht gegeben und in den achtundzwanzig Jahren seiner Leitung (bis 1914) die Richtung des Sammelns und des weiteren Ausbaus bestimmt.

Der Hansestadt fehlte die Tradition fürstlicher Kunstpflege, darum sollte das Museum, das in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufblühens entstand, den Landsleuten zeigen: Auch ihr habt eine künstlerische Herkunft und die verpflichtet euch zu einer künstlerischen Gegenwart und Zukunft. Lichtwark hat diesen noch recht engen Geist vaterstädtischen Stolzes nicht einfach verachtet, sondern an ihn angeknüpft, ihn großzügiger werden lassen und ihm ein Tor in die Welt aufgetan. Heute, kaum siebzig Jahre nach dem Amtsantritt Lichtwarks, gehört die Hamburger Kunsthalle zu dem halben Dutzend Sammlungen, die man nennt, wenn von deutschen Museen die Rede ist. Fürstensammlungen, wie München, Kassel, Braunschweig – früher vor allem auch Dresden –, wirken „europäischer“, aber auch kunsthistorisch-unpersönlicher, da die Sammlermoden des 18. Jahrhunderts und die Kunstgeschichtsvorurteile der Zeit in ihnen sehr gleichmäßig ihren Niederschlag fanden. In Hamburg ist das Kosmopolitische ganz aus dem Kern eines spezifischen, weltoffenen Heimatbewußtseins entwickelt. Es war gleichsam Lichtwarks genialer Trick, daß er über den Stolz auf Heimat und eigene Tüchtigkeit die Menschen hinterrücks in die Bezirke der Kunst führte. Kaum eine der großen deutschen Galerien hat so viel Atmosphäre wie die Kunsthalle.

Philipp Otto Runge, Wasmann, G. D. Friedrich, Morgenstern, die Genslers, Gröger, Speckter und viele andere hat Lichtwark für die deutsche Kunst entdeckt. Über den Hamburger Rahmen hinaus durchpflügte er den niederdeutschen Raum, auch aus früheren Jahrhunderten fand er vieles Bedeutende (Meister Bertram, Meister Francke, Mathias Scheits). Seine eigentliche Genialität wird aber erst dort sichtbar, wo er nicht mehr Sammler, sondern Auftraggeber, nicht mehr Kunsthistoriker, sondern Mäzen, nicht Konservator, sondern Unternehmer war. Liebermann, Corinth, Kuehl, Kalkreuth, die Franzosen Bonnnard und Viuillard veranlaßte er zu kurzen oder längeren Besuchen Hamburgs und gab. ihnen Porträt- und Landschaftsaufträge. Wie hier eine reiche Stadt sich als Mäzen auftat, das hatte etwas von der Größe und dem Selbstbewußtsein der mittelalterlichen Reichsstädte.

In der Jahrhundertausstellung der Kunsthalle ist ein großer Saal gleichsam als Lichtwarks kostbarstes Gewächshaus hergerichtet, der Ehrenraum seiner leidenschaftlichen Bemühungen um eine große Kunst in Hamburg. Hier hängt Corinths großes Porträt des Historikers Eduard Meyer, hier hängen die Alsterbilder von Lieber-, mann, die Hafenansicht von Corinth, Kuehls Interieurs Hamburger Kirchen, repräsentative Hamburger Bildnisse von Liebermann (mit dem Lichtwark eng befreundet war), von Kalkreuth und Vuillard. Keine andere deutsche Stadt hat damals eine so lebendige Initiative in künstlerischen Dingen entfaltet. Allerdings erscheint das Reis ein wenig künstlich vollgepfropft. Zu den großartigen Vorbildern von auswärts fanden sich nicht die aus eigenem Boden gewachsenen Nachbildner. Daß Hamburg trotz der Bemühungen Lichtwarks, den Stammbaum einer musischen Herkunft aufzuzeichnen, nicht gerade günstiger Humusboden für Kunst ist, zeigt ein wenig bestürzend die Jubiläumsausstellung „100 Jahre Hamburger Kunst“ sowohl in ihrer historischen wie in ihrer Gegenwartsabteilung. Man hatte mit Arbeiten Hamburger Künstler von heute einen Querschnitt geben wollen und blieb unter Durchschnitt.

Darum darf gefragt werden, ob es richtig war, Lichtwarks Gedanken, die einheimische Kunst zu pflegen und zu fördern, zu einem solchen Jubiläum so wortwörtlich zu nehmen. Wahrscheinlich ist vieles aus der historischen Abteilung, das hier als Kunst vorgeführt wird, von ihm nur zur Ermutigung und als Versuch, nicht als museumreifes Werk angekauft worden – anders sind die Jugendstilsäle und manche Wände voller „Gartenlauben“ nicht zu erklären. Zu einer solchen Jubiläumsausstellung wäre vielleicht eine große Schau mit dem Allerbesten aus den Museumsbeständen gerade recht gewesen, das zu einem kleinen Teil wenigstens in der Nebenschau „100 Meisterwerke der Malerei“ einige Berücksichtigung fand. Gewiß trifft man dort Meister Bertram und Francke, einen herrlichen Holbein d. Ä., Brouwers prachtvolle Landschaft, das großartige Goya-Porträt, ein paar edle kühle Friedrich-Landschaften, ein Kabinett voll herrlicher Franzosen (Renoir, Courbet, Corot, Degas), Leibl, Menzel und Thoma, auch Manets – gewaschene – „Nana“ und andere. Aber man möchte bei solcher Gelegenheit ein Wiedersehen mit allem Besten feiern, was im Laufe der hundert Jahre zusammengebracht worden ist. Am schönsten geglückt scheint das in der Ausstellung der Handzeichnungen, die von Dürer und Burgkmai bis zu Rodin und Corinth einen großartigen Querschnitt durch das eigentliche Herzstück der Kunsthalle gibt, die Graphiksammlung, die mit ihren 54 000 Blatt nicht nur zahlenmäßig, sondern nach dem Verlust der Kupferstichkabinette Berlin und Dresden heute auch qualitativ an eine der ersten Stellen unter den deutschen graphischen Sammlungen gerückt ist.