Ende des Monats wird in Straßburg voraussichtlich der Ministerausschuß des Europa-Rates zusammentreten. Wie die englische Nachrichtenagentur Reuter hierzu meldet, sollen sich der britische Außenminister Bevin und sein französischer Kollege Schuman darüber einig sein, daß eine Aufforderung des Europa-Rates an die deutsche Regierung, ein Beitrittsgesuch zu stellen, nicht in Frage komme; wenn die Bundesrepublik glaube, nach dem Abschluß der Saarkonventionen abseits stehen zu müssen, dann sei dies ihre Angelegenheit. Fast gleichzeitig warf die angesehene britische Wochenzeitschrift Economist den deutschen Politikern vor, daß ihr Benehmen in der letzten Zeit unerträglich geworden sei und sie eine kurzsichtige Taktik verträten, Nachdem die deutschen Politiker erst vor sechs Wochen einen äußerst unhöflichen Ton gegenüber Frankreich wegen der Saarfrage angeschnitten hätten, ließen sie sich jetzt ein zweites Mal zu häßlichen Gefühlsausbrüchen hinreißen. Bundeskanzler Dr. Adenauer habe sich sogar zu der Drohung verstiegen, daß der Bundestag nicht für eine deutsche Mitgliedschaft im Europa-Rat stimmen werde, wenn die deutschen Ansprüche an der Saar nicht befriedigt würden. „Es ist charakteristisch für die deutsche Mentalität“, so schreibt das Blatt, „frei dargebotene Privilegien zu einem Kuhhandel auszunutzen.“

Beide Darstellungen sind sachlich unrichtig. Die Deutschen können gemäß Artikel 4 des Europastatuts gar nicht aufgefordert werden, ein Aufnahmegesuch an den Europa-Rat zu stellen, sondern sie müssen, nachdem sie sich bereit erklärt haben, den Artikel 3 des gleichen Statuts innezuhalten, vom Ministerausschuß eingeladen werden, Mitglied des Europa-Rats zu werden. Und was die deutschen Politiker und Bundeskanzler Dr. Adenauer anbetrifft, so haben sie sich gerade im „Falle der Saar weder zu häßlichen Gefühlsausbrüchen noch zu Drohungen hinreißen lassen. Im Gegenteil: Die maßvolle Würde, die der deutsche Bundestag in der vorigen Woche wahrte, als die Saar auf der Tagesordnung stand, die dezidierte Sachlichkeit des Weißbuchs der Regierung zum gleichen Thema und endlich Dr. Adenauers Vorschlageiner deutsch-französischen Union, dem man zwar – wie so manchen anderen – politisches Geschick, aber nicht gerade den guten Willen absprechen kann, all das zeigte, daß die Bundesrepublik erkannt hat, daß es im jungen Europa vorerst für jeden Partner mehr Pflichten als Rechte geben wird. So äußerten sich also die beiden zitierten englischen Stimmen zur Sache nicht einwandfrei – wohl aber symptomatisch. Sie kennzeichnen jene hektische Atmosphäre, in der sich neuerdings anscheinend, jede europäische Diskussion abspielen muß. Dies ist fürwahr nicht die Atmosphäre, in der Europa aus der Taufe gehoben werden kann. C. J.