In den New York Times hat Drew Middleton die Inhaltsangabe eines offiziellen amerikanischen Berichtes über den deutschen Nationalismus unter Beifügung von Zitaten veröffentlicht. Der Bericht, „der umfassendste, der je von Beamten der Vereinigten Staaten in Deutschland über dieses wichtige Thema verfaßt worden ist“, wurde dem amerikanischen Hohen Kommissar John J. McCloy auf seine Reise nach Washington mitgegeben. Vorher ist seine erste Niederschrift, wie Drew Middleton versichert, im kitchen cabinet McCloys, seiner engeren Umgebung also, diskutiert worden. Hierbei zeigte es sich, daß die Meinungen geteilt waren. Offenbar hat nun die Opposition gefürchtet, daß McCloy von diesem Dokument nicht den Gebrauch machen würde, den sie sich wünscht. Jedenfalls ist das Dokument dem Deutschland-Korrespondenten der New York Times Drew Middleton in die Hände gespielt und von ihm denn auch veröffentlicht worden.

Daß es einen nicht nur antideutschen, sondern auch ganz allgemein gesinnungsmäßig radikal eingestellten Oppositionsflügel innerhalb der amerikanischen Besatzungsbehörden gibt, ist bekannt. Die immer noch vorhandenen Morgenthau-Boys gehören zu ihm, ferner einige Außenseiter, die ein spezielles Steckenpferd reiten, das meist sehr weit nach links trabt, und endlich jene, die fürchten, ihren job in Deutschland zu verlieren, wenn bekannt werden sollte, daß sie in Wirklichkeit längst überflüssig sind. Sie alle gehen nicht gern nach den USA zurück; in mancher, auch politischer Hinsicht ist dies verständlich. Doch das alles, wie gesagt, ist bekannt. Interessant ist, daß jetzt endlich als bewiesen gelten kann, daß es diese Kreise sind, die seit Wochen Drew Middleton das Material für seine extrem deutschfeindlichen Artikel geliefert haben.

Wir wollen ihm persönlich keinen Vorwurf daraus machen, daß er sie schreibt. Möglicherweise hat er von seiner Zeitung einen entsprechenden Auftrag erhalten. Nach den Hitlerjahren erwarten wir gewiß nicht, daß man uns Sympathie entgegenbringt. Es ist auch Sache der amerikanischen Zeitungen, zu schreiben, was sie wollen. Auch ist es nicht so, daß man mit einer solchen Berichterstattung in den USA allgemein zufrieden wäre. So hat ein angesehener Mann, Christopher Emmet, das Verhalten Drew Middletons dishonest, unredlich genannt, er hat ihm vorgeworfen, tue Wahrheit entstellt und bewußt falsche Verknüpfungen vorgenommen und falsche Schlüsse gezogen zu haben. „Dies ist eine Art des Journalismus“, so schreibt er abschließend, „von der man nicht erwarten konnte, sie ... in den New York Times, der besten Zeitung der Welt, zu finden.“

Wir wollen hier gewiß weder Drew Middleton. noch der besten Zeitung der Welt Vorwürfe machen. Wir wollen nur unseren Lesern erklären, warum wir uns bei der Polemik gegen den offiziellen Bericht der Besatzungsbehörde nur auf die von Drew Middleton gebrachten Zitate stützen können und nicht auf seine Inhaltsangabe. Diese nämlich könnte, wie die Erfahrung lehrt, in einer Weise dargestellt sein, die ihren Inhalt nicht korrekt wiedergibt.

Der Bericht beginnt mit einer Definition des Begriffs Nationalismus: „Dieser sucht,“ so heißt es, „nach außen hin den deutschen Staat auf Kosten anderer Staaten zu vergrößern, nach innen die demokratische Kontrolle zugunsten einer streng autoritären Regierungsform zu beschränken.“ Hier bereits wird der erste grundlegende Denkfehler deutlich. Zwei völlig verschiedene Begriffe, Imperialismus und autoritäre Diktatur, werden zusammengekoppelt, und aus ihnen wird ein neuer geschaffen, den man willkürlich Nationalismus nennt. Und nun beginnt auf Grund dieser sinnlosen Verkoppelung verschiedenartiger Begriffe ein im logischen Sinne ganz ungeheuerliches Gedankenspiel. Die deutsche Regierung, so wird gesagt, habe autoritäre Neigungen, infolgedessen sei sie nationalistisch Nach der Definition von Nationalismus aber bedeute dies, daß sie Deutschland auf Kosten anderer Staaten vergrößern wolle. Bei der sozialdemokratischen Opposition hingegen müßte dieser Schluß so lauten: Die SPD erkennt die Oder-Neiße-Linie nicht an, folglich ist sie nationalistisch, demnach strebt sie nach einem autoritären System. Daß jedoch in Wirklichkeit Imperialismus mit autoritärer Diktatur keine logisch notwendige Verbindung hat, daß man also nicht von einem aufs andere schließen kann, läßt sich leicht an Beispielen erweisen: Portugal ist ein autoritärer Staat und keineswegs imperialistisch, Frankreichs Regierung hat imperialistische Neigungen, ist aber keineswegs autoritär.

Auf Grund dieses fundamentalen Denkfehlers nun gerät der Bericht bald völlig in eine Sackgasse. Nachdem festgestellt worden ist, daß CDU und SPD die stärksten aktiven Kräfte sind, die der Ausbreitung eines aggressiven Nationalismus widerstehen, heißt es schließlich: „Alle politischen Parteien tragen zu einem ständigen Anwachsen des Nationalismus bei, trotz der Tatsache, daß viele von ihnen ohne Zweifel nicht nationalistisch sind. Dies kommt daher, daß gewisse Probleme, wie die der Flüchtlinge, der Demontage und der Grenzrevision, nicht diskutiert werden können, ohne einer nationalistischen Interpretation Vorschub zu leisten.“

Man sieht, wie mangelnde Fähigkeit zur Begriffsbildung sehr schnell zu falschen und in sich widersprüchigen Schlüssen führt. Mit anderen Folgerungen des Berichts ist es nicht anders. Da ist die immer wiederholte und so alte wie falsche Klage, die Denazifizierung sei nicht in ausreichendem Maße durchgeführt worden, und überall säßen wieder die Nazis auf wichtigen Plätzen des Staates und der Wirtschaft. Ach über diese entsetzlich trägen Gehirne, die heute immer noch nicht begreifen können, daß die Nazis eine Abstraktion des kollektiven Denkens sind. Es hat Menschen gegeben, die Mitglieder der NSDAP waren, aber aus sehr verschiedenen Gründen. Und statt diesen Gründen, unter denen auch ehrenhafte gewesen sein können, nachzugehen, statt die Böcke von den Schafen zu trennen, statt vernünftigerweise das deutsche Strafgesetzbuch als Norm für die Straffälligkeit des einzelnen zu nehmen, schuf man von alliierter Seite neue Gesetze, nach denen viele Minderschuldige streng bestraft wurden und reguläre Verbrecher frei ausgegangen sind. Die angeordneten Verfahren sind jetzt nahezu zu Ende. Wieso wirft man nun der deutschen Regierung vor, daß sie ehemalige Mitglieder der NSDAP, die auf Grund der alliierten Gesetze freigesprochen worden sind, im Staat beschäftigt? Der FDP wird attestiert, sie sei nationalistisch (siehe die oben gegebene Definition!), weil sie dafür plädiert, daß man mit diesen törichten Verfahren endlich Schliß machen sollte. Und das gleiche kollektive Denken, das nicht um Menschen, sondern nur um Träger von abstrakten Begriffen geht, zeigt sich auch in den Vorwürfen, die der bayrischen Regierung gemacht werden, weil sie die von amerikanischen Stellen empfohlenen Schulbücher nicht anwendet. Daß man in Bayern katholisch ist und mit der Experimentiersucht radikaler amerikanischer Schulreformer begreiflicherweise nichts gemein haben kann, darüber geht die Denkschrift ebenso großzügig hinweg wie über die Tatsache, daß bei einem Flüchtlingsanteil von 38 v. H. der Bevölkerung ganz einfach die Mittel nicht da sind, im ganzen Land Bayern auf einmal Schulgeldfreiheit einzuführen.