Von Karl N. Nicolaus

Wie ein riesiger Block aus leuchtendem Glas liegt das Kraftwerk in der Nacht. Wie auch einst die ersten Bewohner der Gegend siedelte es sich an den Ufern des Stroms an. Gleich lebendigen Wesen wiederholen die Fabriken (und was ist ein Kraftwerk weiter als eine Fabrik von Elektrizität) das Gehaben der frühesten Ansiedler, die aus dunklen Wäldern kamen. Jene aber kommen aus den Dschungeln der Formeln, die sich des menschlichen Gehirns bemächtigten.

Jedesmal, wenn ich in der Nacht vorbeifahre, halte ich an, um dieses eckige Bauwerk anzusehen. Und ich denke dann an den Turm von Babel oder an die Gralsburg, je nachdem, wie ich in Stimmung bin. Es ist erstaunlich, wie sehr die Stimmung die Vergleiche beeinflußt.

Was wäre das Leben von heute ohne den Strom, der in den Kabeln der Überlandzentralen hoch über Äcker, Flüsse, Wälder und Ruinen geleitet wird. Ich habe einmal eine große Karte gesehen, die nichts weiter enthielt als die Namen der Städte und das Netz der Überlandleitungen. Flüsse, Gebirge, Niederungen, Landstraßen, Eisenbahnen waren nicht verzeichnet. Es schien mir die wahre Landkarte dieser Zeit zu sein. Denn sind wir nicht alle in unseren Zimmern, in unseren Arbeitsräumen, auf unseren Straßen umflossen von elektrischem Strom? Aber einem früheren Betrachter wäre diese Karte nur als ein Gewirr sinnloser Linien erschienen. Und ich meine: Ging es uns nicht mit vielen Dingen so – nicht nur mit Landkarten? Ist es nicht in der Kunst auch dasselbe? Werden nicht auch da vielleicht heute Ströme registriert, die eben nicht die Wasserstraßen der Völkerwanderungszeit sind? Wie aber diese großen Wasserströme weiterflossen, was auch immer geschah mit den Menschen, so werden vielleicht auch diese anderen Ströme – die man die elektrischen nennt – weiterfließen, was auch immer mit den Menschen geschieht. Denn sie haben sich auch schon ihr „Bett“ gegraben, ohne daß es auf der Erdkruste abgezeichnet ist. Gewiß, es gibt keine Angler an diesen Strömen und am Ufer keine Driften und Auen, in denen der große Pan die Flöte bläst. Dafür aber schwirren von den Spitzen der Sendemaste die Lieder in den Äther. Es ist der Strom dieses Kraftwerks, der in den Liedern schwirrt. Der große Pan bläst nicht mehr auf einer Hirtenflöte, er schreibt die Lieder mit riesigen Sendetürmen in das Gewölbe des Himmels.

An gewissen Tagen, wie gesagt, erscheint mir das Kraftwerk wie ein modernes Abbild des Turmbaus von Babel. Auch die Sprachverwirrung, die die Sender in den Äther hinausjagen, hat hier ihre Quelle. Ohne den Strom, wie er hier erzeugt wird, wäre das nicht möglich. In Babel lärmten die Sprachen der Aramäer, Kossäer, Hethiter, Elamiter, Amoriter, Lulubäer und Mitamiter durcheinander. Es sind heute mehr als sieben Sprachen, die in jeder Minute des Abends durch unseren Äther schwirren. Sie jagen einander, die Sprachen, die man nicht versteht, und jene, die man wohl versteht, bei denen man aber nicht begreifen kann, was sie sagen. Was war die babylonische Sprachverwirrung im Vergleich zu diesem turbulenten Gewirr im Gewölbe des Himmels, der sich über unser Dasein spannt? Und ist nicht jeder Radioapparat ein zu Bakelit, Röhren und Draht gewordenes Miniaturbild des Turmbaus von Babel? Sozusagen die große Sache auf eine kleine handliche Formel gebracht?

Vom Bild des babylonischen Turms springt der Gedanke über auf die Zerstörung. Auch die Atomkraft wäre nie greifbar geworden ohne den Strom, der in den Kraftwerken beginnt. Licht und Auslöschung, wie sie in der Atombombe lauern, sind beide hervorgekrochen aus dem ehernen Schoß der großen Generatoren. Gegenüber diesem Akt der Zeugung erscheint der Mechanismus der menschlichen Liebe nur noch wie das Summen einer Biene über den Kraterschlünden der Welt. Das Liebespaar, das das Licht ausknipst, entzieht sich zwar der Technik zugunsten der flutenden Nacht. Aber die Straßenbahn bringt es zueinander, und durch das Telefon flüstert es sich die Verabredung zu.

Von der Zerstörung ist es nicht weit zur Verzweiflung. Und man entsinnt sich des Ausspruchs eines Verzweifelten, der sich hinter aalglatten Manieren, Zynismus und Kaltschnäuzigkeit gut verbarrikadiert hatte. Eines der modernen Typen, deren einzige Weltanschauung im Grunde genommen – die Verzweiflung ist. Der Mann hieß Talleyrand; und er schrieb: „Was wird aus dieser Welt werden? Was ich sehe, ist, daß nichts ersetzt wird; was aufhört, hört überhaupt und für immer auf. In nichts sieht man klar, außer in dem, was man verloren hat...“ Der Satz ist mehr als einundeinhalbes Jahrhundert alt! Danach erst kamen Bonaparte, das Kaiserreich, das Biedermeier, sämtliche moderne Erfindungen, die Eisenbahnen, die Autos, die Flugzeuge, die Kraftwerke.

Sind wir alle vielleicht nur Opfer verkehrter Einstimmung, wenn wir mit einer kleinen Hirtenflöte gegen die Gewitter anspielen wollen, deren Spannungen in den lautlosen Strömen aus dem Kraftwerk gebannt sind? Und kommt die Verzweiflung vielleicht daher, weil die Hirtenflöte das falsche Werkzeug ist?