Als Albert Langen 1910 seine Autoren aufforderte ihren Lebensabriß für einen Verlagsalmanach zu schreiben, lieferte der am 12. März achtundsiebzigjährig verstorbene Dichter Heinrich Mann zwei sarkastische Zeilen: „Meinen Lebenslauf kennt man aus dem berühmten Roman meines Bruders Thomas.“ Das war eine leicht maliziöse Klage über den Vorzug, den das Leserpublikum dem Verfasser der „Buddenbrooks“ vor dem der „Göttinnen“ und der „Jagd nach Liebe“ angedeihen ließ. Aber es war auch eine kritische Abgrenzung von dem Verfahren des Jüngeren, der nach Modellen der eigenen Lebenserfahrung arbeitete. Heinrich hatte damals gerade sein kühnstes und virtuosestes Buch, „Die kleine Stadt“, vollendet und war sich der Kraft seiner frei fabulierenden Phantasie bewußt geworden. Er gab es fortan ganz auf, sich und die Öffentlichkeit mit seiner Person zu beschäftigen, und streute dafür Werk über Werk aus dem Füllhorn seiner Einbildungsgabe, Seltsam nur, daß er sich kaum darum kümmerte, welche Resonanz seine nun radikal „linken“ Sozialrevolutionären Zeitromane in der Öffentlichkeit fanden. Auch als Parteigänger des Kommunismus blieb er der Patrizier, der von dem Gewicht seines Wortes durchdrungen ist. Dieser Widerspruch gab den erzählenden Werken seiner letzten beiden Jahrzehnte etwas Dunkles, Schwerdurchdringliches, und so konnte es kommen, daß er auch als Siebziger für das Leserpublikum im Schatten des anderen Wahlkaliforniers aus Lübeck stand, Heinrich Manns im Umfang und in der Intensität so viel volleres Oeuvre reduziert sich im Bewußtsein der Zeitgenossen auf die Vorlage zu einem berühmten Film: „Der blaue Engel“, durch den Jannings und Marlene den Lübecker „Professor Unrat“ aus der Vergessenheit hoben. K. sch.