Kind und Kunst ist ein Thema von echter kulturgeschichtlicher Aktualität und zwingender pädagogischer Konsequenz. Der Ruf, das bildliche Kunstschaffen ernst zu nehmen, mehr in ihm zu sehen als nur ein Üben mit Material, das sorgsam gelenkt werden muß, um später einmal größtmöglichstes technisches Können zur Folge zu haben, kam aus zwei verschiedenen Richtungen. Pädagogen und Psychologen erkannten den Selbstwert des kindlichen Ausdrucks, da sie fanden, daß Kindsein mehr ist, als nur eine Vorstufe zur scheinbar fertigen Form des erwachsenen Menschen. Künstler im Ringen um neue Formgebung da ein halbes Jahrtausend abendländischer Stilbemühungen erschöpft war in mannigfacher Variation und Vollendung, sahen in der Bildwelt des Kindes Gestaltungstendenzen verlorener Ursprünglichkeit.

Vor einiger Zeit bot München für beides illustrierende Beispiele: die „Ausstellung von Kinderzeichnungen aus 23 Ländern“ in den Räumen der internationalen Jugendbibliothek und der „Blaue Reiter“ im Haus der Kunst. Diesem Wink des genius loci entsprang ein Experiment: Ich ging mit Kindern gleich wie mit erwachsenen Kunstfreunden durch die Säle des Kunsthauses zu den Werken von Marc, Macke, Kandinsky und ihren Kameraden. Es war keine Führung, keine programmatische Schülerexkursion. Nicht Kinder sollten belehrt werden, sollten ehrfurchtheischend mit der Kulturwelt der Erwachsenen vertraut gemacht werden, im Gegenteil, sie sollten unbekümmert plaudern, urteilen und wählen – für Stunden Herren einer Welt, die sonst den Großen gehört. Wir gingen jeweils zu zweien und dreien, die Kleinen, noch nicht des ABC mächtigen, trippelten zaghaft, die führende Hand suchend, die Neun- und Zehnjährigen schlenderten lausbubenhaft-spielerisch, während die Großen in unsicherer Würde meine Ansicht im fragenden Gespräch erkunden wollten.

Es gibt in Museen unzählige Dinge, die für Kinder verlockender und interessanter sind als die zur Betrachtung dargebotenen Schätze. Spiegelglatte Böden verlocken zum Gleiten, die Fenster, ihren rechtmäßigen Platz von der Wand zur Decke verlagernd, erregen staunendes Aufsehen und alle Bilder sind an langen Schnüren aufgehängt, „damit sie niemand stehlen kann“, wie ein kleiner Pessimist verständnisinnig meinte. Dazwischen aber klang etwas auf, was aufhorchen lassen sollte: „Warum hängen die Leute alle Bilder in einem Hause auf? Bilder gehören doch in Wohnungen und Kirchen. Hier kann man sie ja nur einmal sehen.“ Klingt hier nicht Nietzsches Vorwurf gegen unsere museale Kultur an, in welcher Kunstwerke in staatlichen Ruhestätten behütet werden, wogegen draußen die reine Nützlichkeit Triumphe feiert? Mir wurde die wohl unvermeidliche Barbarei unserer gigantischen Ausstellungen deutlich, da ein siebenjähriger Junge in ehrlicher Ausweglosigkeit klagte, er könne eigentlich kein Bild anschauen, da „sooo viele“ an der Wand seien.

In dem immer noch heftigen Kampfe um die Berechtigung der „modernen Kunst“ wird die Unverbildetheit des Kindes gerne von beiden Seiten als Kronzeuge für die eigene Sache ins Feld geführt. Die Verfechter der Naturnähe glauben in der kindlichen Freude darüber, Dinge des eigenen Erfahrungsbereiches im Bilde wiederzuerkennen, ein gewichtiges Argument gegen die – wie sie sagen – nur über den Intellekt verständliche anaturalistische Malerei zu haben. Die Fähigkeit des Kindes, durch einfachste Formen und Gestalten fasziniert zu werden und sie in die lebendige Welt ihres Spieles mit einzubeziehen, nehmen die Modernen als Beweis der Irrationalität ihres künstlerischen Schaffens. – Wie aber urteilen die Kinder selbst? Sie urteilen gar nicht, sie schauen einfach. Die Kleinsten fanden in der Tierwelt von Franz Marc ihre Heimat. Das „Reh im Walde“ muß wohl allein, ohne Vater und Mutter sein und sich fürchten. Der „Tiger“ und die „Kämpfenden Kühe“ wurden halb staunend, halb ängstlich für „mächtig“ befunden. Der jüngste meiner Freunde, ein Vierjähriger – wir waren bei „Stangl“ und betrachteten Marcs Skizzen und Aquarelle – war dauernd in Bewegung. Bald mit dem Kopf durch die Beine schauend, dann gleich einer Katze sich kuschelnd oder breitspurig stehend wie ein täppisches Füllen zeigte er seiner Schwester das Leben der Tiere dort auf dem Papier. Köstlich war eine Interpretation von Jawlenskys „Buckeligem“: „Er steckt seinen Kopf hinein, hat etwas angestellt und fürchtet sich vor der Polizei.“ Kubins skurril-phantastische Federzeichnungen weckten uneingeschränkte Begeisterung und, während die Kleinen gewichtig und erschrocken zugleich auf die „zähnebleckende Hyäne“ bildeten, kam etwas von der Atmosphäre dessen, der auszog, das Gruseln zu lernen, um sie. Und wie war’s nun mit den „Gegenstandslosen“? Um mit Kandinsky anzufangen: seine „Schneelandschaft“ mit der kleinen Lokomotive wurde mit Entzücken vermerkt. Die großen Kompositionen nahm das junge Publikum als recht lustig auf, zu längerem Verweilen jedoch lockten sie nicht. Anders Klee und Marc. Kein Kind ging an Marcs „kämpfenden Formen“ vorbei. Das aggressive Rot und düster-leuchtende Schwarz in der eigenartig-qualligen Verschlungenheit faszinierte jedesmal und verlockte zu Fragen und phantastischen Kombinationen.

Interessant war, daß die aus psychologischer Forschung, Schule und Familie bekannte „Realitätsnähe“ der Neun- und Zehnjährigen sich scharf von der tastenden Märchengläubigkeit der Kleineren und der nach innen gekehrten Sensibilität der Pubertierenden abhob. Die kleinen Realisten trafen ihre Wahl so, daß jeder extreme Naturalist seine Freude an ihnen gehabt hätte. Allein Kinder sind Individuen, ebenso wie wir stolz uns dessen freuende Erwachsene. Wir wissen es wohl und vergessen es dennoch nur zu gerne. So hatte ich einmal einen Banausen bei mir; kein Bild konnte sein Interesse wirklich wecken, und sorgfältig wählte er nach Größe, prunkender Goldfarbe der Rahmen und nach dem listig beobachteten Urteil der übrigen Ausstellungsbesucher seine Kollektion aus. Sein Gegenpol war ein dreizehnjähriger elternloser Junge. Selten noch sah ich Menschen mit solcher, zwar verhaltener aber spürbar echter Begeisterung vor Kunstwerken stehen. Er traf seine Wahl ganz persönlich, in keiner Weise an einen Maler, eine Stilart oder darstellerische Manier gebunden. Hatte er etwas Neues entdeckt, bat er mich hin, schüchtern vor dem Bilde eine Bestätigung seines Empfindens erhoffend. Dies Erleben sollte zur Vorsicht mahnen und davon abhalten, das Kind als eine Art Kollektiv mit der Kunst in Verbindung bringen zu wollen.

Kinder wissen noch nicht, daß „ein Bild für schön erachten“ ein Unterfangen mit mannigfachen Konsequenzen ist. Ist man doch dann je nach Wahl und Umgebung gebildet oder ungebildet, modern oder konservativ, kurzum man ist alles, nur das eine nicht was man eigentlich sein sollte: ein Mensch, welcher im künstlerischen Ausdruck der Innenwelt eines anderen Menschen begegnet. Das Kind ist noch unbehelligt von der Macht der Konvention und der Mode – falls eine wohlgemeinte Kunsterziehung dieses köstliche Gut der Freiheit nicht verdarb. Man kann daher auch nicht behaupten, daß Kinder für Abstraktion oder Naturalistik sind – um Gegenpole zu nennen. Meist sind sie von Abbildern der Außenwelt und Urbildern der Innenwelt, wo immer eine Saite wirklich anklingt, gleichermaßen angetan, Walter Schraml