Daß die Liberalisierung des Außenhandels gewisse Rückwirkungen auf die deutsche Landwirtschaft haben würde, stand von Anfang an fest. Es hat auch nicht, an Stimmen gefehlt, die etwas mehr frischen Wind, im Sinne der Wettbewerbswirtschaft, in der Landwirtschaft für angebracht hielten. Eine Auseinandersetzung über diese Frage ergab sich auf der Wintertagung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in Wiesbaden.

Ausgehend von einer Darstellung der aktuellen landwirtschaftlichen Marktlagen, die Dr. Hanau (Völkenrode) behandelte, über Prof. Baades Hauptreferat („Auswirkungen einer europäischen Wirtschaftseinheit auf die deutsche Wirtschaft“) bis zu den ausgesprochenen Fachthemen – wie: rationelle Organisation des Futterbaus, Landmaschinen im Marshall-Plan, Probleme der Bodenbearbeitung, betriebswirtschaftliche Wege zur Leistungssteigerung – zog sich als roter Faden durch alle Vorträge die Erkenntnis, daß die deutsche Landwirtschaft den Weg der Selbsthilfe über Rationalisierung und Kostensenkung gehen müsse.

Dr. Hanau hatte festgestellt, daß etwa seit der Jahreswende, dank einer beachtlichen Leistungssteigerung der Landwirtschaft, ein Gleichgewicht zwischen Angebot, effektiver Nachfrage und Preisen eingetreten sei. Volkseinkommen und Ausgaben für Nahrungsmittel seien insgesamt etwa im gleichen Verhältnis (um rund 50 v. H.) gestiegen. Da jedoch die Ausgaben pro Kopf nur um 25. v. H., die Preise aber um 60 v. H. (im Durchschnitt) höher lägen, erreiche der Realverbrauch erst etwa 80 v. H. der Vorkriegszeit. Der. Verbraucher habe also den Verbrauch von Grundnahrungsmitteln etwas verstärkt, spare dafür aber an höherwertigen Nahrungsmitteln. Eine Kaufkraftausweitung – sei es durch Mehrbeschäftigung, sei es durch Leistungssteigerung und Lohnerhöhung – müsse bei diesen Verhältnissen einen Preisanstieg zur Folge haben, wenn man nicht durch Rationalisierung die Kosten senke und bei den Handelsspannen einen Ausgleich herbeirunre. gerade in der Notwendigkeit der Kompression dieser Spannen sah; Dr. Hanau ein wesentliches Argument für die Wettbewerbswirtschaft auch in der Landwirtschaft. Seine These, daß Marktordnung keine Kaufkraft ersetzen kann, klang einigen Säulenheiligen der Marktverbände offenbar nicht gerade freundlich in die Ohren... Staatliche Preisinterventionen, so meinte Hanau, hätten sich als funktionsunfähig erwiesen; wenn schon „Subventionen“ gezahlt werden müßten, dann sollten sie nur direkt an die sozial Schwachen, die Rentner und Vertriebenen, gehen.

Mit der Feststellung, daß sich Europa kein armes Deutschland leisten könne, unterstrich Prof. Baade die Notwendigkeit, eine Beeinträchtigung des Sozialprodukts durch einen künstlichen Schutz der Landwirtschaft zu Lasten der Verbraucher zu vermeiden, wie (außenpolitisch) die Auffassung, daß nur eine europäische Wirtschaftseinheit den großen Verbrauchermarkt schaffen könne, auf dem auch bei voller Liberalisierung die deutsche Landwirtschaft ein Auskommen finden würde. Diese Wirtschaftseinheit könne aber nur über den „ersten Plan“ von Mr. Hoffman erreicht werden, nicht aber mit dem „zweiten Plan“, wenn man die Konzeption der alliierten Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik so bezeichnen will. Dieser nach dem Vorbild der englischen Politik „geplanter Bedürfnislosigkeit“ unter Einfluß der alten Morgenthau-Ideologie entstandene „Strafplan der Dürftigkeit für Deutschland mit seiner erneuten Unterscheidung nach essentlais und non-essentlais bedeute das Ende des Marshall-Plans und das Grablied für die europäische Wirtschaftseinheit.

Wenn man eine Politik der optimalen Beschäftigung (die theoretische „Vollbeschäftigung“ lehnt Prof. Baade ab, was seine Parteifreunde bereits veranlaßt, seine Wiesbadener Rede als „Privatmeinung“ zu bezeichnen) verfolgen wolle – und sie ergebe sich zwangsläufig aus der hohen Arbeitslosenzahl –, so müsse man den Weg eines einheitlichen europäischen Wirtschaftsgebiets ohne alle Bilateralismen gehen. Diese Bejahung der Liberalisierung brächte auf lange Sicht auch für die deutsche Landwirtschaft mehr Gewinn als Verlust, denn auch ihr Absatz sei ja bestimmt durch die deutsche Verbraucherkaufkraft.

In der Diskussion hieß es, die beiden Hauptreferate seien ein „Grabgesang der deutschen Landwirtschaft“ gewesen: ein Beweis für die Verkennung der tatsächlichen Lage, denn nach den Ermittlungen von Grünig ist 1949 das Realeinkommen der Arbeiter bei 74 v. H. von 1936, das der Landwirtschaft aber bei 84 v. H. angelangt. Es wäre also wohl zu wünschen, wenn die Bauernverbände sich, in Anlehnung an die hier geleistete Aufklärungsarbeit, stärker für den Aufbau des landwirtschaftlichen Beratungswesens interessierten, anstatt gegen die Behandlung agrarpolitischer Probleme durch die befreundete DLG zu protestieren und ein Monopol in der Erörterung solcher Fragen für sich in Anspruch zu nehmen. R. E. L.