Von Irene Seligo

Seit die Kriegsleidenschaften in der englischen Literatur abgeklungen sind, ist drüben ein grundsätzliches und zweiflerisches Gespräch über zeitgenössische Dichtung in Gang gekommen. Darin spielt, wie bei manchen deutschen Debatten über neuere Philosophie, ein Ton spontaner Gewissenserforschung mit, der daran erinnert, daß es um ein Gebiet von nationaler, ja,, europäischer Bedeutung geht. Dichtung ist schließlich das eigenste künstlerische Territorium der Engländer. Hier sind sie jahrhundertelang groß und viele Male (von Shakespeare einmal ganz abgesehen) führend gewesen, wie andere Völker in Malerei, Baukunst, Musik. Dichtwerke haben die innersten Kraftquellen der Nation sichtbar gemacht, ihr Lebensklima beispielhaft ausgestrahlt.

Auch die Lyrik der heute Lebenden, von den hohen Siebzigern de la Mare und Masefield über die Generation T. S. Eliots bis zu Männern in den dreißig wie Tiller und Comfort, besitzt selbständige Ausdruckskraft, Formenreichtum, Überlieferungsgefühl, Zeitverbundenheit, einen „klimabestimmenden“ Meister, eben T. S. Eliot, eine ansehnliche Vielfalt von Talenten und starkes Prestige in der Welt. Es mangelt ihr offenbar nur eines: Jugend; dieser Mangel jedenfalls ist der Ausgangspunkt fast aller kritischen Betrachtungen, die jetzt in England angestellt werden.

Dabei wird nicht etwa behauptet, daß es heute keine dichtenden jungen Engländer gäbe. Natürlich gibt es viele, in Oxford und anderswo. Der Richtung nach werden sie meistens zu den Wegbereitern religiöser Erneuerung gerechnet. Beklagt wird jedoch, daß es in dieser Nachkriegslyrik seine jugendliche Vehemenz oder Gärung gibt, seine revolutionären Impulse, keine spontanen Neuerungen oder Experimente. In der Tat wird das Bild, das die neuesten Anthologien von der englischen Lyrik seit 1918 geben, durch die Beiträge der Jüngeren kaum verändert oder belebt; es ist übersichtlich, einprägsam, stellenweise sogar großartig, aber monoton in den Linien und ohne warme Farben – eine Winterlandschaft. Das Klima ist immer noch das herbe und trockene aus den Frühwerken Eliots, etwa dem so viel und erfolglos nachgeahmten Anfang des Gerontion:

Hier bin ich, ein alter Mann in einem trockenen

Monat.

Ein Junge liest mir vor, ich warte auf Regen. Ich war nicht in dir Hitze des Gefechts beim