Von unserem römischen Korrespondenten

F. G. Rom, im März

Deutschland war das einzige Land, in dem die Exkommunizierung, die Pius XII. im Sommer des vorigen Jahres über die Kommunisten verhängte, ohne unmittelbare und direkte Wirkung blieb. Angesichts der unklaren Beziehungen, die damals zwischen den Ostzonen-Katholiken und den SEDisten herrschten, zog sich das Santo Offizio in eine vorsichtige Beobachterposition zurück und vermied jegliche Entscheidung, die die katholischen Mitglieder der Ostzonen-CDU in ihrer bereits bestehenden delikaten Situation hätte gefährden können.

Wenn man indessen im Vatikan geglaubt haben sollte, mit dieser Stellungnahme den Zusammenprall zwischen Kommunisten und Katholiken in Deutschland verhindern oder mindern zu können, so mußte bereits die Ernennung Georgij Maximowitsch Puschkins zum Botschafter in Karlshorst hierüber auch die letzte Illusion zerstören. Im Vatikan kennt man die Rolle, die Puschkin während seiner Botschafterperiode in Budapest in der Vorbereitung des Prozesses gegen Kardinal Mindszenty gespielt hat, und so konnte man sich über die neuen Funktionen, die ihm in Berlin zugewiesen sein mußten, keinen Täuschungen hingeben. Puschkin hat auch nicht auf sich warten lassen: der Terror, den er inzwischen gegen die „Doppelzüngler“ der Ostzonen-CDU hat starten lassen, wird den Vatikan zu einer Revision seiner bisherigen Stellung gegenüber den deutschen Kommunisten zwingen.

Die gleichzeitige Anwesenheit der Kardinäle Frings und Graf Preysing in Rom beweist die Entschlossenheit der katholischen Kirche, auch in Deutschland nunmehr klare Linien zu ziehen. Kardinal Frings hat ausführliche Besprechungen mit Pius XII. und Monsignore Wüstenberg, dem Leiter der deutschen Sektion im Vatikan, gehabt, deren Gegenstand, zweifellos die Rückkehr Deutschlands in die europäische Völkerfamilie und die seit langem empfohlene engere Zusammenarbeit Bonns mit den katholischen Regierungen Frankreichs, Italiens und Österreichs gewesen ist. Andererseits ist man gewiß, daß die Beratungen mit Kardinal Graf Preysing um die sich immer mehr steigernden Schwierigkeiten für die Ostrepublik-Katholiken gingen, was den Berliner Kardinal nach seiner Rückkehr dazu veranlassen wird, mit Genehmigung des Santo Offizio die Ausdehnung des antikommunistischen Bannstrahls gegen alle Mitglieder der „Nationalen Front“ zu proklamieren.

Der Schritt läßt sich nicht mehr vermeiden. Er wird den katholischen Teil der Ost-CDU zwingen, sich klar für Pieck oder Pius XII., für Bolschewismus oder Christentum zu entscheiden. Er wird der katholischen Kirche die Möglichkeit geben, bei den SEDistischen Oktoberwahlen das Gewicht des katholischen Gewissens in die Waagschale zu werfen und die Dinge mit ihrem wahren Namen zu nennen. Er wird aber auch die Gewissensängste der ostzonalen Katholiken weiter steigern und die katholischen Priester der Pieck-Republik – die in Zukunft den Kommunisten die Patenschaft, die kirchliche Trauung, die Beichte und das christliche Begräbnis zu verweigern hätten – ähnlichen Verfolgungen aussetzen, wie sie die Priester Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns heute bereits erleiden. Dies wäre ein neuer Beitrag zum „Heiligen Krieg“, in den der „Kalte Krieg“ einzumünden droht, soweit er Rom betrifft.